Helena vom Campingplatz in "Puolanka" sitzt zum ersten Mal auf einem Traktor

Finnland – 26.05.11

26. Mai

Neun Uhr. Wir haben gerade alle Stützen hochgefahren, leeren noch den Abwassertank und schieben den Abwasserschlauch ins Innere. Da erscheint noch einmal die Managerin des Areals und bittet uns, noch 15 Minuten zu bleiben. Sie hat schon gestern die örtliche Presse informiert und freut sich offenbar über ihre Aktion. Ist ja auch eine schöne Werbung für ihren Nostalgieplatz. Gut ! Wir warten! Wir erfahren auch, dass Tante Paula auf finnisch „Täti Paula“ heißt. Wird aber wie „Tatti“ ausgesprochen. Wieder was dazu gelernt. Wir warten gerne die paar Minuten, denn die adrett gekleidete Frau, Helena heißt sie, ist wirklich sehr zuvorkommend und aufmerksam und schenkt uns zum Abschied noch einige schöne Ansichtskarten, einen Wimpel und Aufklebebilder vom Ort.

Helena vom Campingplatz in "Puolanka" sitzt zum ersten Mal auf einem Traktor
Helena vom Campingplatz in "Puolanka" sitzt zum ersten Mal auf einem Traktor

Dann fährt eine sehr junge, dunkelhaarige Frau in einem schwarzen Mercedes vor und fotografiert auf „Teufel komm raus.“ Maria ist Volontärin und noch etwas scheu und sehr zurückhaltend mit ihren sparsamen Fragen an uns. Dafür erklärt Helena umso mehr und ganz aufgeregt, was sie sich gestern Abend auf unserer Homepage mit finnischer Übersetzung herausgefischt hat. Was habe ich da bloß alles geschrieben? Die Zeitung ist online nachzulesen, aber… sie wird auch in den nächsten Tagen per Post in Hofgeismar landen. Unsere Kinder und die Mitarbeiter unserer Betriebe werden uns schon in der dritten Tageszeitung, die uns nach Hause geschickt wurde gesund und munter wiederfinden. Helena bietet mir auch an, auf ihrem PC online zu gehen, aber wir sind startbereit und verabschieden uns von beiden mit allen fünf Tierstimmen die wir haben aus unserem Außenlautsprecher unter der Treckerhaube. Mit einem letzten „Kikeriki“ biegen wir um die erste Ecke und rauschen davon. Helena hat uns freundlicherweise einen Campingplatz heraus gesucht, der nur 60 km entfernt ist und dessen Inhaberin sie kennt. Sie hat uns telefonisch angemeldet. Das ist Service! Finnland eben! Dafür sind wir ihr sehr dankbar, weil auf unserer ursprünglich geplanten Route erst wieder in 110 km ein Platz zu finden gewesen wäre. So sind wir dann bis heute Mittag in drei Tagen 360 km weit gekommen und halten trotzdem unseren Durchschnitt von circa 120 km am Tag.

Ende Mai...endlich Frühling in Finnland !
Ende Mai...endlich Frühling in Finnland !

Die Finnen verhalten sich nicht anders als die anderen Skandinavier, was das Fotografieren angeht. Steht irgendwo am Straßenrand ein PKW und eine oder mehrere Personen „unauffällig“ daneben, ist es garantiert der Eine, der uns gerade im Zeitlupentempo überholt hat. Kameras hoch und knipsen. Oft kommen dafür auch nur die Handys zur Anwendung oder auch schon mal die Videokamera. Das passiert ungefähr auf einer Weglänge von 100 km 10-12 mal. Wir haben noch 11000 km zu fahren. Heute kutschieren wir auf der Nebenstraße Nr. 888 in Richtung Sommer. Sogar diese kleine und schmale Straße ist gut ausgebaut und von weiteren Verkehrsteilnehmern befreit.

Malerische Täler, kleine Bergbäche, winzige frisch gepflügte Äcker, auf denen mehr Steine als Erde zu sehen ist, lindgrünes frisches Birkengrün, durchmischt mit dem dunklen Grün der jungen Föhren auf allen Seiten und weite Blicke über die nächsten Hügel sind eine wahre Augenweide für uns. Finnland zeigt sich von seiner besten Seite. Dieses nordeuropäische Land muss auch im Winter ein wunderschönes Land sein. Es erscheint uns viel heller als Schweden und viel flacher als Norwegen. Sechzig Kilometer über Berg und Tal, ohne dass eine Ansiedlung dazwischen kommt, kann man bei Sonnenschein und bizarren Wolkengebilden ganz gut vertragen. Viermal nur muss ich in den nächst kleineren Gang zurück schalten. Mit manchmal nicht mal 10 km/h zittern wir ohrenbetörend bergauf.

Das wäre sicher nichts für die meisten Urlauber oder auch für unsere Freunde und Bekannten. Viele würden vielleicht so eine Reise durchführen wollen, weil sie sich das sehr romantisch vorstellen, mit dem Trecker durch die Lande zu ziehen. Aber es ist echte und mithin sehr anstrengende Arbeit, wenn man am Lenkrad sitzt und jede Frostfuge, jedes Schlagloch, jede Quer- und Längsrille und jede Steigung durchdenken und das Gespann möglichst „wackelfrei“ halten muss. Dann noch die tägliche Sorge, ob die Maschine durchhält und erst der fast 48 Jahre alte Bauwagen. Also, liebe Freunde, fahrt mit mir nur einmal eine Stunde auf dem ungefederten Trecker mit Hänger mit und sagt mir danach ehrlich, wie ihr euch dann fühlt.

Grandiose Natur
Grandiose Natur
Wachsame Pfadfinderin
Wachsame Pfadfinderin

Um Zwei sind wir schon an Ort und Stelle. Zehn Minuten hinter dem Ort „Ristijärvi“ halten wir auf den Campingplatz zu. Wir sind überrascht, ist doch alles hier vom Feinsten und wir stehen auch nur 20 Meter von einem sehr großen See entfernt, wo man das Ende nicht absieht. Ein steifer Westwind wirft hohe Wellen auf und am Ufer bilden sich Schaumflocken. Barbara kann man wieder Wäsche waschen und trocknen. Dieser Platz ist sehr zu empfehlen! Leider kann ich hier auch nicht online gehen. Es gibt keine Wireless- Lan-Verbindung für unseren Läppi.

Ich liege, was so gut wie nie vorkommt, eine Weile am Spätnachmittag auf der kurzen Eckbank und lasse die letzten Tage Revue passieren. Ich danke meinem neuen Hausarzt, der mich medikamentös so gut eingestellt hat, dass es mir bisher an allen zurückliegenden 53 Tagen gut ging. An dieser Stelle einmal ein herzliches DANKE und liebe Grüße an die freundlichen Praxismitarbeiterinnen. Und ich danke auch meinem guten alten Hausarzt, der mir bis zu seinem Unruhestand über 30 Jahre die Treue gehalten hat (und das will schon was heißen bei meinen Zipperleins) und uns am Vorabend unserer Abreise aus Deutschland viel Glück gewünscht und uns seine Bereitschaft zugesagt hat, bei gesundheitlichen Störungen mit seinem Rat telefonisch zur Seite zu stehen. Es ist doch schon viel passiert, seitdem wir am 3. April gestartet sind. Manche Fotos möchte ich mir gar nicht mehr ansehen. Zum Beispiel die Bilder von unseren Crashs oder die von den Reparaturen. Lieber schaue ich mir heute Abend gegen 23 Uhr zum dritten Mal die tollen Fotos an, die ich hinter dem Bauwagen am See gegen 22 Uhr 30 geschossen habe. Gleißendes Gegenlicht, eine goldgelbe, flach stehende Sonne, wogende Bäume im Frühlingsgrün, blaues gekräuseltes Wasser, schaukelnde Ruderboote, glänzende Sumpfdotterblumen, Felsbrocken am Ufer und zerrissene Wolken in allen Schattierungen. Fantastisch! Einige Fotos werde ich ins Internet stellen.

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