Unser guter Gunnar Pederson, Retter in der Not

Schweden – 09.05.11

9. Mai

Um 10 Uhr tritt ein hier seit vierzig Jahren wohnender 65jähriger Däne in Erscheinung und begrüßt uns freundschaftlich. Der angeforderte Autoelektriker würde zur Zeit in einer Fischfabrik in Uppsala arbeiten und käme nur alle vier Wochen mal nach Hause. Upps! Mit fällt die Kinnlade herunter. Doch da kenne ich Gunnar Pedersen schlecht, den Dänen. Er hat mal drei Jahre in Kiruna bei Volvo in der LKW-Elektrik gearbeitet und kennt sich mit Lichtmaschinen bestens aus. Die Kohlen sind hin, meint er und telefoniert Gott und die Welt an. Endlich eine klare Auskunft.

Wir können beide mit ihm nach „Gällivare“ mit seinem Mitsubishi fahren, da wo wir gestern noch übernachtet haben. Es wären nur 135 Kilometer eine Strecke und es gäbe einen Bosch-Dienst, der einen anderen Generator hat. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich bin baff. Da will uns doch tatsächlich der uns (noch) fremde Mann in die Fachwerkstatt bringen mit seinem Auto. Wahnsinn! Gunnar baut fachmännisch mit mir die Lichtmaschine aus und macht gleich Fotos.

Barbara hat in der Servicehaus-Maschine Wäsche gewaschen und wir müssen noch eine halbe Stunde warten, bis die Trommel geleert werden kann. “No Problem, no Stress”, sagt Gunnar. “Hier in Nordlappland ticken die Uhren langsamer. Das kriegen wir schon wieder hin.“ Die Unterhaltung in den nächsten elf Stunden läuft auf dänischschwedischenglischdeutsch. Wir verstehen uns sehr gut. Gunnar ist ein blendender Erzähler, stellt sich heraus, als wir gegen Elf die fast zwei Stunden zurück nach Gällivara fahren. Er weiß tolle Geschichten und Begebenheiten aus Lappland zu berichten, erzählt von Begegnungen mit Braunbären, Vielfraßen, Birkhühnern, Elchen und Rentieren. Ihn kennen alle hier in der Umgebung und ost muss er die Hand heben beim Durchfahren der Gehöfte am Straßenrand. Hier, direkt 500 Meter vom Dorf kämen von weither Leute, um Lachse zu fangen. Es gäbe so viele hier in diesem See wie Salz in einer Tüte.

Endlich mit Herzklopfen in der Boschwerkstatt. Wir sind ja telefonisch angemeldet. Es sieht sehr unaufgeräumt aus. Die Monteure haben lange fettige Haare und fast keine Zähne mehr im Mund. Sie können aber doch erkennbar freundlich grinsen. Gunnar hat unsere Lichtmaschine mitgenommen. Wir lassen sie zum Kohlenaustausch und Überholen da und fahren zu einer Bank. Es gibt enorme Schwierigkeiten mit dem Einlösen unserer Travellerschecks. Die beiden Schalterdamen haben so eine Transaktion noch nie vorgenommen und müssen telefonieren und seitenlang etwas ausdrucken und sich einlösen. Wir verbringen über eine halbe Stunde vor dem Schalter. Die Bank schließt normal um 15 Uhr. Es geht auf Halbvier. Die Chefin kommt dazu und bedauert. Wir machen es den Damen einfacher. Barbara hat die rettende Idee. Wir tauschen einfach einen Teil unserer Euroscheine in Schwedenkronen um. Das geht sofort und die drei Damen entschuldigen sich vielmals für ihr Unvermögen, uns Travellerschecks einzulösen.

Danach laden wir Gunnar zum Essen in ein Restaurant ein. Alles für 7 Euro und sehr frisch und schmackhaft. Um Halbfünf sind wir wieder bei Bosch. Der Monteur bedauert. Er habe noch eine neue Lichtmaschine anderer Bauart vorrätig, aber er müsse noch einige Teile auswechseln, um sie für den Zetor brauchbar zu machen. Eine geschlagene Stunde basteln Gunnar und der eine fast zahnlose Mitarbeiter der Boschstation am Teil herum. Es wird abgeschraubt, angeschraubt, wieder verworfen, mit der Schublehre gemessen, Unterlegscheiben auf die Nabe geschoben und wieder abgenommen. Endlich scheint was zu passen.

Unser guter Gunnar Pederson, Retter in der Not
Unser guter Gunnar Pederson, Retter in der Not

Um Sechs geht’s dann die 135 Kilometer zurück nach „Lannavaara“, dem Sackgassenörtchen im Walde, wo wir seit gestern Abend stehen. Unterwegs bleibt Gunnar stehen und geht mit mir zu einem Waldstück. Er pflückt eine Handvoll Kiefernnadeln und erklärt, diese zerreibe man in Lappland, um sie mit einer Tasse Kaffe zusammen zu genießen. Aha! Wie lecker! Dann knickt er einen Lärchenast ab. Daran hängen überall eine Art braune Haare. Ich denke, er will mir zeigen, wie die Elche daran ihre Haare verloren haben. Nichts da. Diese „Haare“, ein Nebenprodukt des Baumes im herbst, pflückt man ebenfalls ab, um sie in Wintertagen in den Kaffe einzurühren. Wir nehmen diesen appetitlichen Ast zur Erinnerung auf unsere weitere Reise mit. Vielleicht hat ja mal einer von unserer Familie oder von unseren Freunden Lust auf eine Tasse Kaffe mit Original lappländischen graubraunen Lärchenhaaren mit Biss.

Kurz vor zwanzig Uhr (wir haben Gunnar den Sprit an der Tankstelle natürlich bezahlt) muss Gunnar mit seinem Winkelschleifer noch ein paar Kanten am Generator abschleifen. Dann passt endlich alles, aber eine Schraube, die vorher zum alten teil gepasst hat, ist jetzt viel zu kurz. Wir können im Moment keine 80 mm lange Schraube finden. Auch Gunnar hat keine Zuhause. Er will Morgen im Dorf rumtelefonieren. Unsere neue Batterie, die sich gestern durch das Ausfallen der Lichtmaschine total entladen hat, lädt durch Gunnars Ladegerät seit morgens auf. Wir nehmen das Abendbrot zu dritt im Bauwagen ein. Gunnar verspricht, am nächsten Tag morgens mit einer Schraube vorbei zu kommen. Vielleicht können wir schon gegen Mittag weiterfahren. Finnland ist ja „um die Ecke.“

Ach ja, fast hätte ich’s vergessen. Als wir am Abend die Bauwagentür aufschließen wollten, hing ein großer Zettel daran. In zwei Sprachen stand da zu lesen: „Hej! Ni är bjuden pa surströmming onsdag, den 11. Maj. Pa guldgrävarens bar kl 18.00. VÄLKOMMEN!!“ „Hallo ! Sie sind zu einer fermentierten Hering eingeladen, Mittwoch, 11. Mai auf der Goldgraben’s Bar an 18.00. Herzlich Willkommen!“ Nun muss man wissen, „Surströmming (fauler Fisch) ist die sicherste Art, Fliegen und Gäste, Verwandte, Ratten und Mäuse aus dem Haus zu vertreiben. Es wird hier in Schweden dazu geraten, die hoch aufgeworfenen Büchsen am besten unter Wasser zu öffnen wegen des Gestankes.Es sind eingelegte Heringe in Lauge, die zuerst faulen müssen, bevor sie mehrmals ihre Gestalt verändern und dann kommen sie in Dosen in Wärmeschränke, wo sie ein halbes Jahr vor sich still hingären.

Mir dreht sich auf der einen Seite der Magen, auf der anderen Seite möchte ich schon mal diesem Festgelage beiwohnen. Das große Essen wäre Morgen Abend hier am Platz, nur 100 Meter weiter. Da wollen wir aber schon in Finnland sein. Auch Barbara zögert. Nicht wegen des faulen Herings, nein! Sie findet genau so wie ich die Menschen hier so nett und zuvorkommend, dass wir alles Morgen beim Frühstück nach dem endgültigen finish des Generators noch einmal besprechen werden. Es ist nach Null Uhr.

Ich fotografiere die untergehende Sonne und den Halbmond aus dem Küchenfenster und falle todmüde in die Koje. Das war vielleicht ein Tag!! Wir sind immer wieder überrascht, wie freundlich wir Ausländer in der Fremde behandelt werden. Ich schöpfe wieder neuen Mut für kommende Abenteuer, die uns ganz sicher in der nächsten Zeit begegnen werden. Abenteuerurlaub? Ja, und das nicht zu knapp!

Ein Gedanke zu „Schweden – 09.05.11“

  1. hat mich gefreut Ihr Tagebuch zu lesen und das Photo zu sehen, denn ich denke, Euer Gunnar ist mein Onkel. Wenn er es ist, war er mal mit meiner Tante (Schwester meines Vaters) verheiratet und wir haben ihm alle sehr gemocht. Sie haben sich geschieden und er zog nach Schweden, seitdem kein Kontakt mehr :-)

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