Deutschland – 10. September

Unsere intime Geburtstagstafel
Unsere intime Geburtstagstafel
"Zum Wohl !"
"Zum Wohl !"

Heute soll es sehr heiß werden. Über 30 Grad sind angekündigt. Daher gehe ich schon am frühen Morgen die 500 Meter stadteinwärts, um für Barbara einen besonders schönen Blumenstrauß zu besorgen. Das gelingt mir auch auf Anhieb und ich finde auch eine entsprechende große Vase auf der Station, wo ich ihren Geburtstagsstrauß zwischenwassern kann. Schon um Zwei kann ich sie in die Arme nehmen und ihr zu ihrer Lebensschnapszahl gratulieren. Dann gehen wir ein paar Schritte nach nebenan, wo sich ein nettes Bistro befindet und wir Kaffeetrinken können. Das heißt, Barbara bestellt sich ein Stück Schwarzwälder Kuchen und ich labe mich an einem warmen Stück Zwiebelkuchen und trinke dazu ein Viertele „Neuen Süßen.“ („Neue Wieh“) Ein Genuss, den ich noch am Abend auf der Zunge spüre. (!) Schade nur, dass unsere Kinder und Geschwister an ihrem Geburtstag nicht kommen können. Doch 500 Kilometer sind einfach zu weit für eine Tasse Kaffee und ein Stück Torte. Zwischendurch rufen die Gratulanten auf ihrem Mobil an und ich sehe, wie sich über die Glückwünsche freut. Wir gehen ein wenig im Klinikpark spazieren, aber ich merke, dass ich wegen meiner immer noch bestehenden Blasenentzündung keineswegs groß belastbar bin. Das wird sich ja nächste Woche ändern und ich freue mich schon sehr darauf, wenn ich mich wieder schmerzfrei bewegen kann und ich wie früher zig Kilometer laufen kann, ohne dass mein Körper mich stoppt. Es ist unglaublich heiß an diesem Tag und am Balkon im zweiten Stock, wo ich mich sonnen wollte, flüchte ich schon nach 10 Minuten in mein „Schattenzimmer.“ Doch hier steht die Luft auch. Ich vertreibe mir die Zeit, indem ich einige überfällige Mails beantworte und im Internet herumsurfe. Ich erfahre von einem Pfleger, dass die warmen Mittagessen, die hier im Haus ankommen, einen unterirdischen Weg von über tausend Meter bis zum Empfänger zurücklegen müssen. Die Zentralküche befindet sich nämlich am anderen Ende des Klinikums.

Barbara nimmt die Glückwünsche von unserer Tochter Tamara entgegen
Barbara nimmt die Glückwünsche von unserer Tochter Tamara entgegen
Leider wartet die Straßenbahn auf Barbara und sie muss die "Heimfahrt" durch Freiburg wieder alleine antreten
Leider wartet die Straßenbahn auf Barbara und sie muss die "Heimfahrt" durch Freiburg wieder alleine antreten

Die Katakomben sind daher sehr nützlich für die Speisentransporte und blockieren nicht die Verbindungswege der Außenanlagen. Man merkt nicht, wenn sich z. B. der rheinischen Sauerbraten gegen 12 Uhr mittags 2 Meter unter den Füßen im Park mit 50 km/h in Richtung der hungrigen Patienten auf einem Förderband bewegt. Kein Ton ist zu hören und auch kein Bratengeruch dringt durch die Grasnabe. Ein ausgeklügeltes System hat da die Freiburger Universitätsklinik, oder? Dann höre ich zu meinem Erstaunen, dass der Papst in der vierten Septemberwoche nach Freiburg kommt, um die Gläubigen um sich zu scharren. Schon Tage zuvor sind dann einige Straßenzüge gesperrt und selbst die Anwohner müssen einen Sonderausweis oder Passierschein beantragen, um sich frei bewegen zu können. Die Kanaldeckel werden dann zugeschweißt und der Verkehr, egal ob Straßenbahnen, Züge oder der Autoverkehr muss dann komplett ruhen. Sogar alle Geschäfte in der badischen Stadt sind am „kirchlichen Mobilmachungstag“ geschlossen. Auch die Universitätsklinik bekommt dann einen Sonderstatus. An dem Tag des Papstbesuches dürfen die Angehörigen ihre Patienten nicht besuchen, es wird kein Patient entlassen, die Mitarbeiter in allen Abteilungen müssen sich an besonderen Passierstellen ausweisen und kommen nur zu ihrem Arbeitsplatz, wenn sie sich schon Wochen zuvor um das Durchgangspapier gekümmert haben. Mehrere Polizeistaffeln sind dann präsent, um die 300000 Gläubigen vor dem Papst zu schützen. Ein großer Schreinereibetrieb wurde beauftragt, ein paar tausend Sitzgelegenheiten aus Holz für die ältere katholische Generation zu produzieren, die das „Stand-In“ sonst nicht durchstehen würden. Freiburg wird aufgerüstet wie vor einem drohenden Angriff aus intergalaktischen Welten. Dabei wird „nur“ ein netter, älterer Herr mit weißem, engelsrunden Käpple aus Rom in die Stadt zwischen Flugplatz und Messegelände eingeflogen. Wie gut, dass wir dann schon im fernen Hessen weilen und uns das Spektakel im Fernsehen anschauen können. Ja, Freiburg hat seinen Bürgern schon was zu bieten und versteht zu feiern. Und wenn es das „Openair- Festival“ zum Papstbesuch ist. „Wir sind Papst!“ So oder so….

Blick vom Patientenbalkon
Blick vom Patientenbalkon

Eine andere Geschichte ist die, dass den Gästen in Freiburg und Umgebung die merkwürdigsten Gerichte in den Gaststätten aufgetischt werden. Besonders in den sogenannten „Straußenwirtschaften“, so lese ich in einem lukullischen „Badischen Straußen- und Winzerstubenführer“ nach, finde ich Bezeichnungen von Speisen, die ich (noch) nicht näher definieren kann. Wie es da gibt: „Gschwelldi“, „Bibbeleskäs“, „Brägele“, „Schäufele“, „Leberle“, Sulz“, „Kratzete“, „Rodi“ und „Flammenkuchen.“ Sobald ich wieder unter den „Freigängern“ weile, werden wir beide uns durch diese Speisekarten fre…..

Na, wer wird denn wohl...
Na, wer wird denn wohl...

Es wird sich ja wohl kein verkohlter Kuchen oder Madenkäse unter den Bezeichnungen verbergen. Warten wir’s ab. Die badische Küche soll ja sehr berühmt für ihre Spezialitäten sein. Am Abend schaue ich mir im Fernsehen eine Spielesendung an. Das Fernsehen ist hier in der Klinik kostenlos. Jeder neue Patient erhält automatisch einen Satz Kopfhörer, der noch in einer Tüte eingeschweißt ist, so dass keiner den anderen geräuschemäßig stören kann. In meinem Zimmer gibt es sogar zwei Geräte. Gesteuert werden die Programme mit den Zahlen auf dem Telefon. Radio hören kann man ebenso über die Tastatur des Telefons. Natürlich auch telefonieren, wenn man in einen Automaten zehn oder zwanzig Euro gesteckt hat. Der nicht vertelefonierte Rest wird dann bei der Entlassung wieder ausgespuckt. Es ist überhaupt alles sehr modern hier und die Technik hat in allen Bereichen Einzug gehalten. Bei den Visiten wird ein Monitor hereingefahren und es gibt somit kein Papiergeraschel mehr, um nach diversen schriftlichen Unterlagen zu suchen. So versteht man auch akustisch den Arzt besser, da alles geräuschloser und eleganter vonstatten geht. Noch zwei Nächte, dann muss ich erst mal eine Schreibpause einlegen, da die „Schlachtbank“ ruft.

Ein Gedanke zu „Deutschland – 10. September“

  1. Liebe Frau Ochs, ganz herzliche Glückwünsche nachträglich zu Ihrem Geburtstag! Lieber Herr Ochs, Ihnen alles Gute für die kommende Zeit. Meine Lieblingstante sagte immer; „Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig ist.“ Ich freu mich schon sehr auf Ihre Rückkehr in die Heimat.
    Ganz herzliche Grüße aus dem Solling von Elke Rothe und Mannschaft.

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