Deutschland – 11. September

Sonntag im Krankenhaus. Es geht mir etwas besser, seitdem ich eine andere intravenöse Antibiose viermal in 24 Stunden bekomme. Die seit Wochen manifestierte Blasenentzündung schleicht sich langsam davon. Das ist ein echter Segen, dass die ständigen Schmerzen nur noch sporadisch auftreten. Das Labor hier hat gute Vorarbeit geleistet und eine Therapie konnte jetzt gezielter eingeleitet werden. Verflixte Bakterien auch! Es gibt sonntags nur eine kleine Stationsvisite. Ansonsten passiert nicht viel Neues. Barbara besucht mich heute nicht. Es muss nicht jeden Tag sein. Ich will ihr den Weg ersparen, zumal auch die Straßenbahnen am Sonntag anders fahren. Wir können uns auch über unsere Handys verständigen.

Visite im Anmarsch
Visite im Anmarsch

Es ist wieder mal sehr heiß. Über 25 Grad. Ich trinke so meine drei Flaschen stilles Wasser am Tag. Das spült die Nieren und die Blase gut durch. Erst wenn es mir an der Wange von den Ohren wieder heraus läuft, reduziere ich meine Trinkmenge. Bis dahin ist es aber noch weit. Mein Bruder Werner versucht immer wieder vergebens mit mir zu skypen, aber die hiesige Verbindung lässt nicht zu, dass er mich sieht und hört. Schade! In der Klinik verbreitet sich immer mehr, dass wir eine eigene Reisehomepage haben und einige Mitarbeiter, die es interessiert, haben schon mal probegeschaut. In einem anderen Klinikgebäude in einem Untergeschoss gehe ich an einer grauen Türe vorbei. Es gibt viele graue Türen hier. Doch ich bleibe gerade vor dieser wie gebannt stehen und lasse mir das angehängte graue Schild auf den Lippen zergehen. Silbe für Silbe. Ich kann es einfach nicht glauben und begreifen, dass so eine hässliche menschliche Charaktereigenschaft von der Klinikleitung auch noch gefördert wird.

Meine "Kuschelecke"
Meine "Kuschelecke"

Wer geht da freiwillig hinein, frage ich mich und in welchem Seelenzustand kommt man aus dem Raum wieder heraus? Andernorts wird man, wenn man dahingehend zwischenmenschlich aktiv wird, sogar bestraft oder verliert im Extremfall seinen Arbeitsplatz. Und hier ? Mich packt das kalte Grauen und ich eile schnell den langen Gang weiter. Ach so, hatte ich glatt vergessen, zu erwähnen, was auf dem grauen Schild an der grauen Untergeschosstür zu lesen ist. Da steht in großen, grauen Blockbuchstaben folgende Einladung: „MOPPRAUM“

Ich möchte nicht „gemoppt“ werden und gehe auf dem Rückweg den bewussten Gang ganz schnell entlang, ohne der Tür noch eines weiteren Blickes zu würdigen. Sollen sich lieber andere in diesem speziellen „Mitarbeitertherapie- und Mopp-Snoozelraum“ einfinden. Ich danke.

Später erfahre ich durch eine Raumpflegerin, dass ich wohl in der Eile etwas zu vorschnell geurteilt und abgelesen habe. Denn die junge Frau geht ganz ohne Angst auf die Türe zu und kommt in weniger als 10 Sekunden vergnügt ein Liedchen pfeifend wieder mit einem grau lackierten Wischmopp in der Hand zurück. Aha! Hinter der Tür befindet sich also das Zentrallager für Möppe. Oder sagt man besser Möppse? Ein Raum für die äußeren Reinigung also. Ein sogenannter „Moppraum“, der der menschlichen Seele nicht schadet und der Reinlichkeit in der Klinik nutzt. Hier wird gemoppt und nicht gemobbt! Das ist zwar nur ein kleiner Unterschied im Wort, aber ein großer in der Bedeutung, wenn man die Begrifflichkeiten verwechselt.

Hinter dem Torbogen verbirgt sich die Innenstadt von Freiburg
Hinter dem Torbogen verbirgt sich die Innenstadt von Freiburg

So kann es gehen, wenn man falsch assoziiert. Mir passiert das immer wieder. Der Abend wird mir lang in meinem Bett und ich mache mir Gedanken um den morgigen Tag, wo die Messer im OP-Raum gegen 13 Uhr für mich gewetzt werden sollen. Jedoch, ich habe Hoffnung, dass alles ohne Komplikationen verläuft und ich spätestens diese freundliche Klinik am Donnerstag wieder als Genesender verlassen kann. Aber wie man so schön derb auch sagt: „Man hat schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen!“

Ein Gedanke zu „Deutschland – 11. September“

  1. Hallo Ihr Gemütserheiterer,

    er höhrt schon die (OP)Messer klingen, doch immer noch die Finger über die Tasten springen. Und mit was für einem Galgenhumor der große Meister der Lyrik es versteht,
    seine immer größer werdende Anhängerschar zu erheitern. Er besitzt halt den Stein der
    Weisen, der ihm ja hoffentlich erfolgreich entfernt wurde. Tja Leute und in meinen
    alten Tagen habe ich das Glück gehabt „Tante Paulchen“ auf dem Campingplatz in Freiburg
    mit meinen Augen, und ich schwöre es war keine Fatamorgana, selbst zu sehen. Doch niemandem konnte ich die Hand schütteln, aus verständlichen Gründen. Aber vielleicht habe ich ja noch das Glück, denn der Lenker des Dieselrosses muss ja erst noch ein bisschen verschnaufen, ehe sein Kühlwasserkreislauf wieder belastbar ist.
    Viele liebe Grüße und gute Besserung.

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