Estländische Politsei

Estland – 09-06-11

9. Juni

Kurz bevor wir das Wäldchen verlassen, tritt ein junger Mann mit kurzen Haaren an mich heran. Er ist Schwede und von Beruf Hauptkommissar. Ein paar Fotos möchte er machen und fragt, ob er das dürfe. Na klar ! Einem Polizisten darf man doch nichts abschlagen. Ich frage ihn, warum seit gestern Abend so viele Polizeiwagen um das Hotel herum stehen. Wir sind doch auffindbar! Er gibt mir auf „schwedisch lachend“ zur Antwort, sie hätten hier einen internationalen Kongress und eine größere Länder verbindende Fortbildung über zwei Tage. Auch ein Deutscher aus Hamburg wäre unter den Kollegen namens Lutz, sowie Esten, Letten, Litauer, Schweden, Norweger, Finnen und Dänen. Aha ! Er will unsere Homepage zuhause seinem Polizeichef weitergeben. Das wäre auch so ein Freak, was das Reisen betrifft.

Estländische Politsei
Estländische Politsei

Ich mache schnell noch ein Foto von einem der Polizeiwagen, wo an allen Seiten drauf geschrieben steht:“ POLITSEI.“ Genau so, wie man über die Polizei spricht. „Quadratisch, praktisch, gut.“ Und wir Esel schreiben Polizei mit einem „Z.“ An der Ausfahrt angekommen, steht ein ganzer Trupp von Polizisten unterschiedlicher Nationalität zu beiden Seiten der Schranke und „blitzen“ uns. Ich habe noch nie solch freundlich dreinblickende Polizeibeamte gesehen. Trotzdem, hoffentlich begegnen sie uns nicht mal im Straßenverkehr, wenn ich wieder einmal zu langsam über eine ampelgeschaltete Kreuzung gehuscht bin.Sonst wäre ich imstande, demjenigen Wachtmeister die von uns gemachten Fotos wieder abzunehmen.

Bis zur lettischen Grenze sind es nur 15 Kilometer. Immer direkt am Meer entlang auf einer Parallelstraße neben der Europastraße oder auch auf der Schnellstraße. Aber wir wollen uns die eine Tageszeitung noch besorgen, wo wir heute drin stehen sollen. Eine halbe Stunde bleiben wir auf der E 67 und sehen plötzlich schon die Grenzstation nach Lettland vor uns. 100 Meter vor dem „Schlagbaum“ aber führt noch eine kleine Nebenstraße zu einem Dorf im Estländischen, das genau auf der Grenze liegt. Vielleicht gibt es dort einen Kiosk oder ein Lädchen, wo es Zeitungen zu kaufen gibt. Wir sind ja so gespannt. Wir biegen ab. In „Ikla“, einem Ort mit nur wenigen zum Teil grellbunt gestrichenen Holzhäusern im russischen Stil mit grellbunt gestrichenen Holzzäunen stellen wir uns mitten im Dorf auf und fragen drei Mädchen im Alter von etwa 10-12 Jahren auf Englisch, ob sie sich in dieser Sprache mit uns verständigen können. Wir würden ein Geschäft suchen, wo es Zeitungen gibt. Die Kleinste unter den Dreien ist die Sprecherin und sie spricht zu meiner Schande ein viel besseres englisch als ich. Sie erklärt mir, dass am Ortsausgang über die Brücke zu fahren sei in eine andere Richtung und dass es ein grünes Haus wäre, in dem sich das Geschäft befände. Als ich da so mit den Mädchen rede, ruft mich Barbara heran, die noch im Trecker sitzt. Sie macht ein sehr unglückliches Gesicht. Auf ihrer rechten Handinnenfläche hält sie eine Lage geräucherte Fische in der Balance und schaut mich hilflos an.

Vor ihr steht ein mit drei Zahnstummeln grinsender, älterer Mann in schlechter Kleidung, hält eine leere Plastiktasche in der Hand, dreht sich herum als er mich kommen sieht und schüttelt mir weiter fröhlich grinsend die rechte Hand. Und schon laufen mir die ersten öligen Tropfen am rechten Armgelenk hinunter. Barbara drückt mir dann plötzlich pikiert die Lage dunkelbraun geräucherten Fisches in die linke Hand und wartet ab. Die ersten öligen Tropfen rinnen mir am linken Armgelenk hinunter. Ich stinke, als wenn ich gerade vom Fischmarkt gekommen wäre. Bin ich ja auch irgendwie. Nur unverhofft und mitten auf einer Dorfstraße in einem baltischen Grenzort. Barbara klaubt schnell einen Fünfer aus ihrem Portemonnaie, den ich mit öliger Miene dem guten Manne überreiche. Ein knappes, öliges „Danke“ kommt mir gerade noch über die Lippen. Er verschwindet und im Gehen zieht er einen Flachmann aus der Tasche und nimmt einen langen Zug.

Wieder einen Menschen glücklich gemacht, denke ich und verstaue die offene Fracht in einer Zeitung eingerollt neben dem Fahrersitz unter einer Wolldecke. Es sind inzwischen 32 Grad und die Luft steht. Über den Fischen auch.

Sumpfblumen am Wegesrand
Sumpfblumen am Wegesrand

Die Mädchen bieten sich an, mit uns zum Geschäft zu laufen. Die ganze Familie und alle Nachbarn vom Säugling bis zur Urahne zu beiden Seiten der Straße winken zu uns herüber und freuen sich offenbar über die Abwechslung in ihrem Alltag. Im Geschäft gibt es jedoch keine einzige Zeitung, nur Modezeitschriften und versteckte Illustrierte mit bedenklichem Inhalt. 20 Meter weiter auf der Dorfstraße steht ein Schild: Latvia! Mitten im Dorf verläuft die Grenze zu Lettland. Ist ja interessant. Wir kaufen den Dreien ein dickes Eis für ihre Hilfe und laufen zurück zum Trecker. Der Zündschlüssel steckt noch, die Scheibe ist offen. Hier wird nichts weggenommen. Da sind wir sicher. Eine alte Dame bedeutet uns, dass wir 5 km weiter nach Norden sicher fündig werden würden.

Also losfahren in die „falsche“ Richtung unter heftigem Winken der halben Einwohnerschaft von „Ikla.“ Königin Beatrice aus den Niederlanden wird sicher nicht anders begrüßt. Im nächsten Ort, „Treiman“ werden wir schon erwartet, so scheint es uns. Hausfrauen mit bunten Kopftüchern und ältere Männer stehen wie im Spalier vor dem kleinen bunten Lädchen und winken uns heran. Die nicht vor der Tür stehen, stürzen wie auf Kommando aus dem unscheinbaren Lädchen ohne Außenreklame und ohne Schaufenster. Na so was! Barbara fühlt sich nicht ganz wohl bei dieser Aufmerksamkeit. Ich tröste sie. Zuhause, sage ich ihr, winkt uns keiner nach. Sei froh, dass wir Alten überhaupt noch registriert werden. Sie versteht meinen Choke nicht und rennt schnell in den Laden. Alle drehen sich um, als wir eintreten. Man spürt regelrecht die Aufmerksamkeit fast körperlich, die uns zuteil wird. Das Zeitungssortiment ist groß und wir suchen nach der bestimmten Ausgabe. Auf der zweiten Zeitung, die ich in die Hand nehme, sehe ich schon auf dem Titelblatt unser Konterfei.

Estländische Landstraßen sind top in Schuss
Estländische Landstraßen sind top in Schuss

Im Innenteil eine fette Überschrift: „Norras külm, Rootsis pime, Soomes normaalne, Eestis suurepärane!“ Alles klar??

Wir kaufen noch mit Hackfleisch gefülltes, russisches Gebäck ein, etwas zu trinken und Kosmetika. Erstaunlich, die Literflasche Wodka bekommt man schon für knapp 7 Euro und große Brote kosten nur etwa einen Euro. Wir entscheiden uns u.a.für das Brot. Alle schauen uns an, als wir die Zeitung aufschlagen und uns in der Mitte in Farbe mit Haupt- und Zwischentiteln wiederfinden. Das hat der Herr Uustalu und der Fotograf aber gut hin bekommen ! Danke !!! Wir werden im Pulk „abgegrüßt.“ Das ist das Gegenteil von „angegrüßt.“ Wir merken auch wenig später, als uns Autofahrer begegnen, dass sie wohl diese Zeitung ebenfalls heute Morgen gelesen haben. Wir werden angeblinkt und bekommen daumengestreckte Positivzeichen.

Am Abend werde ich dann sehen, dass uns allein über diese Zeitung über 600 Besucher auf unserer Homepage angeklickt haben. Nun sind es schon fast 74000 User. Wir bekommen auch eine Email von einer Redakteurin aus Köln, die uns gerne life über Skype sprechen möchte von der Sendung „SPIEGEL ONLINE.“ Sie möchte uns gerne etwa eine halbe Stunde lang interviewen und findet unsere Geschichte außergewöhnlich spannend. Mal sehen, wann ich wieder längere Zeit online gehen kann, um mit ihr in Kontakt zu gehen. Was sich alles so tut, seitdem wir unterwegs sind…! Unglaublich ! Wir schwitzen uns bis zur lettischen Grenze. Kein Schlagbaum, kein Zöllner, nichts ! So als gäbe es nur noch ein einziges Land „Europa.“ Es geht weiter auf der A1, bzw. auf der E 67 nach Lettland. Ich habe ständig damit zu tun, mein Sternum vom Schweiß zu befreien und verbrauche Lagen von Papiertaschentüchern. (Wer da glaubt, ich würde meinen Rücken vom Schweiß befreien, irrt!)

Die nächsten Reiseerlebnisse findet man nun unter „LETTLAND.“

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