FINNLAND

 

21. Mai

 

 

Es ist spät geworden.

Spät am Morgen.

Halbelf weist die Ortszeit aus.

Der Tankautomat spinnt.

Oder die Finnen.

 

 

Meine "Betankerin"
Meine „Betankerin“

 

Die Finnen, die spinnen !

Die Karte will er nicht und auch den 20-Euroschein verschmäht er.

Macht nichts, wir haben noch Sprit für ungefähr 80 km im 45-Liter-Tank.

Bei Bergfahrten verbraucht unser „Vagabund“ schon mal 16-18 Liter auf 300 Zetorminuten.

Doch…der Schein will auch nicht wieder in unsere deutschen Hände zurück.

Barbara läuft in den Supermarkt der Tanke und nach zähen Verhandlungen bekommt sie das Geld von der Kassiererin zurück.

Wir starten durch.

Maximal fünf Stunden wollen wir nur heute abspulen.

Der vergangene Tag steckt uns noch in den morschen Knochen.

Auf einer Strecke von ca. 40 km hinter der Stadt südwärts reiht sich Campingplatz an Campingplatz.

Alle liegen an traumhaft schön gelegenen Seen.

Dann steigt die Straße an und wir kommen ins Gebirge.

Nicht so hoch und so steil wie gestern, aber es reicht.

Schneereste gibt es nur noch vereinzelt.

Wir befinden uns immer noch nördlich des Polarkreises.

Das darf man nicht vergessen.

Wir fahren durch zwei Naturschutzgebiete.

Einsame Waldgebiete.

Die russische Grenze liegt nur noch etwa 60 km entfernt von uns.

Doch dahin wollen wir nicht.

Nach geschlichenen 90 Kilometern halten wir nach einem Campingplatz Ausschau.

Da muss doch bald wieder mal einer kommen ?

Hinter der Ansiedlung „Tankavaara“, hier befindet sich ein flächenmäßig riesiger Nationalpark, bei einem Gehöft halten wir an.

Barbara geht auf eine Frau zu, die gerade auf der braunen Wiese den Rest vom letzten Jahr zusammen recht und fragt nach.

Wir sind perplex.

Der nächste erreichbare Platz liegt 40 km hinter uns und der nächste 80 km vor uns.

Auwei!

Das sieht nicht gut aus.

190 km an einem Tag ?

Wir kämen erst nach 21 Uhr an.

Und…ich wäre sicher nur noch halb lebendig von der langen Tour.

Also, was hilft’s.

Weiterfahren und die Waldwege absuchen nach einer Stelle, wo wir auch mit unseren 12 Metern Länge wieder wenden können?

Ob man in Finnland einfach irgendwo übernachten darf so wie in Schweden ?

Eine etwas prekäre Situation.

Endlich ein Hinweis auf ein Cafe auf einem Hinweischild.

Und ein ganz kleines verstecktes Zeichen für „Camping.“

 

 

Auf einem privaten Minicampingplatz bei "Tankavaara"
Auf einem privaten Minicampingplatz bei „Tankavaara“

 

 

Schon verwaschen.

Mitten im Wald dann an der E 75, hinter der nicht sichtbaren Ansiedlung „Peurasuvanto“ dann ein versteckt liegender Minicampingplatz.

Das Cafe davor ist geöffnet und wir dürfen bleiben.

Nicht auf der eigentlichen Stellfläche, da der Grasboden noch viel zu nass ist, sondern vor dem Cafe auf dem Stück Teerweg.

Egal!

10 Euro soll es nur kosten.

Dusche inbegriffen.

Nur Strom gibt es nicht.

Und es sind nur 10 Grad und es nieselt leicht.

Wir lassen uns nach der Bangefahrt im Restaurant verwöhnen und bestellen uns frisch geräucherte, warme Lachsforelle mit frischem Mischsalat.

Kartoffeln gibt es keine dazu.

 

 

Es gibt Lachsforelle satt
Es gibt Lachsforelle satt

 

 

Ist im Gericht nicht vorgesehen.

Dafür bekommt die Bedienung einige Prospekte von unserer Heimat.

Wir schwelgen und schweigen.

Die obligatorische finnische Tasse Kaffee gehört dazu.

Die Sanitärräume sind in Ordnung.

Wir sind wie gewohnt die einzigen Gäste hier.

Wir gehen mangels Wärme schon früh in die Koje.

22. Mai

 

Um Acht waschen wir uns den Schlaf aus den Augen, frühstücken kurz und freuen uns, dass der Dauerregen, der in der Nacht aufs Wagendach heruntergeprasselt ist, aufgehört hat.

In den Trecker hat es wie gewohnt zu beiden Seiten reingeregnet.

Barbaras Sitzauflage ist nicht nur feucht, sie ist durchdrungen von finnischem Waldwasser.

Sie legt eine Decke darüber und schlingt die Enden über ihre Beine.

Auch ich fahre oft bei kalter Witterung mit einer über den Schoß gelegten Wolldecke.

Ich gebe Gas.

Wir haben aber gestern gerade von einem Einheimischen erfahren, dass die Strafe wegen zu schnellen Fahrens drakonisch sind in Finnland.

Sie wird nach dem Einkommen berechnet und man muss der Polizei sein Monatseinkommen schriftlich darlegen.

Ich drossele den Motor sofort wieder.

Wieder regnet es.

Wie gut, dass uns unser freundliches Autohaus in Hofgeismar eine Nano-Versiegelung auf die Frontscheibe aufgebracht hat.

So perlt das Wasser gut ab und die Sicht bleibt klar auch ohne Wischertätigkeit.

Und schon wieder geht es über „die finnischen Berge.“

Nicht ganz so hoch sind sie und auch relativ schneearm.

Wir freuen uns wie Kinder, als wir die erste Wiese sehen, die schon etwas grün ist.

Das haben wir sehr vermisst.

Zwei Traktoren, ein grüner Valtra und ein New Holland überholen uns.

Die Fahrer winken uns zu.

Valtra fahren sie überwiegend in Finnland.

Große starke Maschinen mit Allradantrieb.

Uns fällt auch auf diesem Streckenabschnitt wieder auf, dass die Hausnummern sehr hohe sind.

 

 

Es gibt zuweilen noch viel höhere Hausnummern
Es gibt zuweilen noch viel höhere Hausnummern

 

 

7910 lesen wir und bleiben stehen, um ein Foto davon zu machen.

Sonst glaubt uns doch niemand.

Man stelle sich z.B. vor, man würde in der Teichstraße 6910 wohnen oder auch in der Kavalleriestr. Nr. 4211 in Hofgeismar.

Unvorstellbar!

Heute ist Sonntag und wir haben beide keine große Lust, eine sehr lange Strecke zu tuckern.

Der Zetor braucht auch mal eine Erholungsphase.

Nach „Kersilö“ folgt die Stadt „Sodankylä,“ die am Fluss „Kitinen“ liegt.

Genau sieben Tankstellen gibt es hier.

Was andernorts nur alle 70-80 km vorhanden ist, gibt es hier gehäuft.

Ein Schlaraffenland für Langstreckentreckerfahrer.

Etwas oberhalb der Stadt auf demselben Breitengrad liegt die norwegische Stadt „Kiruna“ oder auch die russische Stadt „Archangelsk.“

Nur damit man mal eine Ahnung davon hat, wo wir gerade in Finnland sind.

Immer noch hoch oben im Norden Europas oberhalb des Polarzirkels.

Nach Helsinki sind es noch exakt 1044 Kilometer gleich 9 Tage.

In „Sodankylä“ gibt es sogar einen Lidl-Markt.

Erstaunlich!

Ob wir ihn Morgen mal aufsuchen?

Uns fiel auf, dass es in Finnland keine Ein -und Zweicent -Stücke gibt.

Wir wollten in einem Geschäft einmal die geforderte Summe genau hingeben, da schüttelte die Verkäuferin den Kopf und erklärte in Englisch, es gäbe nur 5-Cent-Münzen und das darüber.

 

 

Die Bushaltestellen sind manchmal wahre Kunstwerke
Die Bushaltestellen sind manchmal wahre Kunstwerke

 

 

Auch eine landestypische Eigenart.

Der angesteuerte Campingplatz am nahen Strom ist erwartungsgemäß erst ab 1. Juni geöffnet.

Wir rufen den Besitzer an.

Es klappt mal wieder.

Wir dürfen hier stehen und sogar einen Stromanschluss gibt es.

Doch irgendwas funktioniert nicht.

Kein Licht brennt.

Wir schauen beide die Sicherung am Stromkasten nach und auch unsere eigene unter der Spüle im Wagen.

Alles ist in Ordnung.

Wir stecken mehrere Kabel um und am Schluss schließen wir unseren kleinen Wasserkocher direkt an der Stromzapfsäule an.

Der Strom fließt.

Die Leitung, die von uns aus nach draußen kommt schraube ich an der Steckdose auf.

Ein Kabel ist am Anschluss abgebrochen und hängt daneben.

Kein Wunder, dass wir keine Verbindung herstellen konnten.

 

Die Toiletten des Platzes und die Duschen sind aber nur im zweiten Sanitärgebäude geöffnet.

Das liegt stramme vier Gehminuten , etwa 500 Meter bergauf von uns entfernt.

Wenn man dann vorhat, seinen Bedürfnissen nachzugehen, kann es unterwegs passieren, dass man durch die weite Wegstrecke und das laute Keuchen bergauf dermaßen abgelenkt wird und vergisst, zu welchem Ziel man eigentlich unterwegs war.

Hoffentlich passiert mir das nicht.

Das könnte im wahrsten Sinn des Wortes in die Hose gehen.

Wir müssen am Nachmittag die Fenster und die Tür öffnen, so warm wird es auf einmal.

Um 21 Uhr schneit der junge Platzinhaber hinein, nimmt uns nur 10 Euro ab, macht Fotos, bekommt Prospekte und eine Visitenkarte von uns mit und verschwindet wieder.

 

 

Hinweistafel bei "Sodankylä"
Hinweistafel bei „Sodankylä“

 

 

Ein Däne, der auch hier campieren will, klopft an die Tür und will wissen, was es mit unserer Reise auf sich hat.

Wir erklären.

Auch er zückt seine Nicon-Camera und fotografiert alle Seiten.

Ein weiterer Camper bringt gleich ein sehr hohes Stativ mit und ein halb Meter langes Teleobjektiv und filmt drauf los.

Wir sind es gewöhnt, im Focus der Reisenden und der Presse zu stehen.

Am Anfang haben wir uns schon gewundert über die Neugier und das Interesse.

Jetzt aber nehmen wir es gelassen hin.

Wir gehen im Supermarkt einkaufen.

Ja, auch die Finnen haben fast alle Läden auch sonntags geöffnet.

Noch etwas zu Finnland:

Es gibt 188’000 Seen, nur 5,3 Millionen Menschen und 17 Einwohner auf einem km2.

Der bekannteste Formel 1- Fahrer ist der Finne Mika Häkkinen und in Finnland leben der Pisa-Studie zufolge die klügsten Schüler.

Das Handy-Netz ist weltweit das dichteste.

Der Finne nimmt es sogar mit ins Bett und auf’s stille Örtchen.

 

 

Stiller "Genießer"
Stiller „Genießer“

 

 

Wie erholsam.

Nokia lässt grüßen.

‚Ich liebe dich’ heißt in der Sprache der Samen“ Mun rakistan du !“

Und danke heißt „giitu.“

So einfach !!?

Die andere Seite Finnlands, die dunkle, ist die, dass die Selbstmordrate die höchste in Europa bei Männern zwischen 15 und 65 Jahren und die Alkoholexzesse unter den Jugendlichen besonders an Freitagen nicht mehr unter Kontrolle zu bringen ist.

 

Und noch etwas Witziges, wenn auch schon für uns Bekanntes: In Finnland schließen auch alle Türen ob außen oder innen linksherum.

Ein Ungeübter mag sich dann schon mal tüchtig abzappeln, wenn er wieder das stille Örtchen verlassen will und nicht mehr hinaus gelangt.

Daher sind auch viele Schlösser unbrauchbar und man hilft sich in der Not, wenn weitere eilige „Kunden“ den Raum betreten mit Zurufen in verschiedenen Sprachen, wie zum Beispiel: „Stopp! Here is sitting bull of a watercloset!“oder auch auf Finnisch: „saanko ruokalistan!” (Die Speisekarte bitte !)

Oder so ähnlich.

Wie gut, dass ich bisher bei diesen Zurufen noch keinem Jäger begegnet bin, der mit der Flinte in der Hand die Örtlichkeit betreten hat.

Ich meine wegen des „Sitting bulls.“

Der weitere Verlauf des Tages verläuft ohne besondere Vorkommnisse.

Die Leberwurst aus der Dose schmeckt am Abend mit dem frischen finnischen Schwarzbrot einfach erstklassig .

Nochmals danke, Familie Horn!

2 Gedanken zu „FINNLAND“

  1. Hallo, ihr alle im Netz, die ihr uns so liebe Kommentare schreibt :
    UNS GEHT’S GUT !
    Danke für die guten Wünsche !!!
    Das Abenteuer „Europatour“ geht weiter.
    Kann halt nur selten online sein, da nicht immer Wlan-Verbindung besteht.
    Ich hoffe in der kommenden Woche aus dem Baltikum berichten zu können.
    Das wird sicher nicht weniger spannend als die Länder, die wir zuvor bereist haben.
    Info:
    Inzwischen waren schon über 65000 User auf unserer Seite.
    Neuer Rekord!
    Wir waren auch inzwischen 6x in der schwedischen, 2x in der norwegischen und 3x in der finnischen Presse.
    Gut, dass wir nicht nach Timbuktu oder Kirgistan fahren wollen.
    Zeitungsartikel wären dann fast gar nicht mehr zu übersetzen.
    Also, ihr Lieben…bleibt uns weiterhin treu und…gewogen !
    Es grüßen herzlich aus Kouvola/Südschweden zwei durchgeknallte Globetrotter

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