Der Meister von der Renault-Werkstatt tauscht den Radbolzen aus

Frankreich – 26.08.11

Sieben Uhr! Raus aus den Federn. Es könnte ja sein, dass die Werkstattleute schon sehr früh hier auftauchen. Um 10 Uhr melde ich mich noch einmal bei dem hilfsbereiten Ehepaar, Bruno und Stephanie Dutmeil vom Campingplatz „le Moulin d’Onclaire“, um zu fragen, wann denn nun jemand käme. Die Antwort ist niederschmetternd. Es traue sich keine der bisher fünf angerufenen Werkstätten zu, den Stehbolzen herauszuschlagen und auszutauschen. Monsieur Bruno gibt mir zu verstehen, er wolle den Bolzen selber herausschlagen und eine größere Schraube nehmen, wo letztendlich die Radmutter wieder darauf passt.

Der Meister von der Renault-Werkstatt tauscht den Radbolzen aus
Der Meister von der Renault-Werkstatt tauscht den Radbolzen aus
Restaurantbesuch in "Coix"
Restaurantbesuch in "Coix"

Er holt sich nochmals Rat am Telefon und sagt dann, so ginge es auch nicht, da die Radbolzen rückwärtig auf dem Nabenteller fest geschweißt seien. Dann aber die gute Nachricht nach weitern Telefonaten. Es soll doch noch jemand von außerhalb im Laufe der nächsten Stunde kommen, um sich den Schaden anzusehen. Ein großer, sportlicher Renault kommt eine halbe Stunde später die Einfahrt herunter und hält neben uns. Ein Mann in guter Kleidung mit einem Namensschild auf der grauen Hemdtasche, wahrscheinlich ein Meister, gibt uns die Hand und kniet sich unter den Wagen. Wie gut, dass die Schweden mir seinerzeit einige Reservemuttern mitgegeben haben. So drücke ich ihm eine davon in die Hand und er fährt wieder davon. Wann nun die eigentliche Arbeit beginnen soll, können wir ihm mangels Sprachproblemen nicht entlocken. Aber es dürfte noch heute sein. Inzwischen konnte ich auch eine halbe Stunde online im schön eingerichteten Innenhof des burgähnlichen Gebäudes, das auch Fremdenzimmer anbietet in der Sonne neben dem Pool sitzen und die letzten beiden Tage in den Blog einfügen. Die Besitzer tragen sich gerne in unser Gästebuch ein und die hübsche erwachsene Tochter besucht uns im Bauwagen. Barbara besorgt uns um die Ecke bei einem kleinen Bäcker zwei große Stücke Käsekuchen. Die anderen Läden liegen sehr weit in Richtung „Coix“ zurück, dass ein Fußmarsch für sie zu beschwerlich wäre.

Seit einigen Tagen hat sie nach langer Zeit mal wieder mit ihrem Ischias zu tun und jeder Schritt lässt sie die Nervenendigungen spüren. Ich wundere mich sowieso, wie sie es täglich stundenlang auf ihrem total ungefederten Notsitz auf dem Trecerkotflügel aushält. Um 13 Uhr verzieht sich der Himmel, Donner ist zu hören. Dann aber geht’s so richtig los. Blitz und Donner sind fast eins. Der Regen prasselt dermaßen laut aufs Wagendach, dass man seine eigenen Worte nicht mehr hört.

Kandellight-Dinner
Kandellight-Dinner

Die beiden vorderen Fenster im Wohnraum, die unser handwerklich sehr geschickter Sohn Mario erst vor 7 Wochen noch einmal mit einer Silikonschicht in Wusterhausen bei Berlin neu abgedichtet hat, sind schon wieder undicht. Wir können gar nicht so viele Hand- und Geschirrtücher vor das Fensterbrett legen, so schnell kommt „Nachschub“ von oben und besonders wegen des Sturmes von der Westseite. Nach einer guten halben Stunde ist das Unwetter vorbei. Rings um uns herum stehen die Pfützen und das Wasser kann nicht so schnell in den ausgetrockneten Boden versickern, da alles auf der Rasenfläche steinhart unter den Füßen ist. Wir nutzen die Zeit und schreiben Tagebuch. Baden können wir heute nicht. Das Schwimmbad ist geschlossen. Es sind nur noch sehr angenehme 25 Grad nach der Abkühlung und alles dampft draußen und drinnen. Auch wir. Es ist stickig im Bauwagen, wo das Thermometer immer noch 29 Grad zeigt.

Entspannung nach dem Gewitterregen
Entspannung nach dem Gewitterregen

Vielleicht gehen wir heute Abend mal nach nebenan zum Essen in die kleine Auverne, die so romantisch aussieht. Wenn, wenn unser Geld nach Bezahlen der Reparatur und der Platzgebühren ausreicht. Verdient hätten wir es uns nach einer solch schlimmen Tagesfahrt gestern. Außerdem haben wir schon den dritten Tag nicht mehr warm gegessen und wir haben Appetit auf etwas Fleischiges. Es ist inzwischen schon 15 Uhr, der Regen lässt nach und ich drehe eine Runde über das ganze Gelände und gehe zum kleinen Fluss runter, um noch ein paar schöne Motive vor die Linse zu bekommen. Der Regen hat das Bett gewaltig ansteigen lassen und das Wasser rauscht jetzt tosend und schäumend die Felsen hinunter und über die mannshohen Felsbrocken hinweg. Ein wunderbares Panorama, an dem ich mich kaum satt sehen kann. Da kommt Barbara mit einem aufgespannten Regenschirm ganz aufgeregt auf mich zu und winkt mir, ich solle zurückkommen. Der französische Monteur ist da. Ein Renault Kombi mit der Aufschrift „Renault Assistance“ steht auf der Wiese. Derselbe Mann, der heute schon einmal da war, kniet vor dem linken Hinterrad und holt einen Dorn und einen schweren Hammer aus seiner Werkzeugtasche. Ein paar wuchtige Schläge und die rückwärtige Schweißnaht am Radteller reißt auf und der kurze, abgerissene Radbolzen springt nach hinten heraus. 4 Millimeter ist er nur noch lang. Schnell hat er den neuen Radnabenbolzen mit dem passenden Gewinde durchgeschoben und eine von unseren neuen schwedischen Ersatzmuttern aufgeschraubt. Eine Arbeit von 10 Minuten. Dann kommt die Rechnung. Lediglich 20 Euro will der Gute von uns haben. Wir geben im Dreißig. Es fängt wieder sehr stark zu regnen an, so dass wir ihn bitten, in unser trautes Heim einzutreten. Wir bieten ihm ein Glas Limonade an und geben ihm Prospekte mit. Was sind wir jetzt froh, noch einmal so glimpflich davongekommen zu sein. Dann können wir Morgen endlich weiter fahren. Das muss gefeiert werden und wir hoffen, dass das kleine Restaurant nebenan heute Abend auch geöffnet hat. Eine weitere Flasche trockenen Weißwein habe ich auch kalt gestellt. Eine Begebenheit zum Schmunzeln möchte ich noch zum Besten geben. Barbara wird zwar schimpfen, weil „so was“ nicht ins Netz gehört, aber wir haben es so erlebt. Vor etwa drei Wochen gingen wir in einem Supermarkt an der Seine einkaufen. Barbara brauchte unter anderem irgendeinen Kosmetikartikel. Unser Einkaufswagen war noch leer, als sie in einem Gang nach links verschwand.

Vor einem der bekanntesten Supermärkte in Frankreich
Vor einem der bekanntesten Supermärkte in Frankreich

Ich dagegen sah mich in einem anderen Gang auf der rechten Seite nach Getränken um. Der Wagen blieb zwischen den beiden Gängen an einer Kopfseite solange stehen. War ja noch nichts drin und ihre Handtasche mit dem Geld hatte sie sich umgehängt. Dann kam ein Artikel nach dem anderen dazu und an der Kasse mussten wir noch zwei Plastiktaschen dazu nehmen, da wir so viel eingekauft hatten, dass unsere festen Beutel nicht ausreichten. Soweit, so gut. Ein normaler Einkauf, wie er fast täglich vorkommt. Uns fiel nichts auf. Lediglich die Endsumme war außergewöhnlich hoch und wir haben den Kassenzettel gleich kontrolliert, bevor wir mit dem Trecker losgefahren sind. Auch beim Auspacken später wäre uns (fast) nichts aufgefallen. Doch plötzlich sieht mich Barbara ganz erstaunt und mit fragendem Gesicht an. „Was hast du dir denn da mitgenommen?“ sollte dieser penetrante Blick wohl heißen? „Was denn?“ frage ich erstaunt zurück. „Na hier, diese Packung da!“ „Welche Packung?“ „Na die hier!“ „Du bist doch verrückt!“ geht sie weiter in mich. „Weißt du, was du für die Kondome ausgegeben hast?“ „Kondome?“ „Ja, 12 Stück und dann noch in Premium-Qualität für 12 Euro!“ „Ich?“ „Kondome?“ Was, wo?“ Sie zeigt auf eine Hartpackung, in der sich auch eine Tube Zahnpasta befinden könnte. Tatsächlich! Es ist so, wie es ist. Wir rekonstruieren. Das Resultat: Irgendein Anderer hat aus Versehen diese Packung Verhüterli in unseren leeren Wagen gelegt. Barbara hat diese Packung zwar gesehen, aber sich gedacht, ich habe mir ein Aftershave genommen und in den Wagen gelegt. Mir ist die ominöse Packung zu keiner Zeit aufgefallen. Am Schluss haben wir beide herzlich darüber lachen können. Was, wen oder warum sollen wir nun verhüten? Vielleicht finden wir ja mal auf der Weiterreise einen Bedürftigen, dem wir mit diesem grellbunten, bizarren Dutzend „auf die Sprünge“ helfen können. Doch Barbara hat die Dinger wohlweislich so gut vor mir versteckt, dass ich sie bis zum heutigen Tag nicht wiedergefunden habe. In zehn Jahren werden sie nur noch im Secondhand-Laden zu veräußern sein. So, das war die kurz erzählte Story über einen expliziten nicht beabsichtigten Lümmeltüteneinkauf.

Regentropfen, die an mein Fenster klopfen...
Regentropfen, die an mein Fenster klopfen...

Es regnet den restlichen Tag weiter und es entlädt sich ein Gewitter nach dem anderen. Die Temperatur sinkt rapide auf 13 Grad. Brrr! Die Klappläden schließen wir am Abend und das Regenwasser kann nicht mehr eindringen. Darauf hätten wir gleich kommen sollen und hätten so eine Unmenge an Handtüchern gespart. Für die 100 Meter bis zur Auberge „Le Poivre d’ Ane“ brauchen wir unseren Familienschirm, so gießt es. Das Restaurant am Rande des Städtchens überrascht. Eine sehr noble, geschmackvolle Einrichtung empfängt uns. Das Ambiente verführt zum langen Bleiben. Und dann wird uns die Speisekarte überreicht. Ach du dickes Ei! Alles in „Ausländisch.“ Nach langem Studium der französischen Bezeichnungen wollen wir unsere Bestellung abgeben. Ich zeige auf zwei Gerichte, die sich sehr blumig lesen und vielversprechend scheinen. Die Bedienung ist etwas konsterniert. Nach einigen Missverständnissen bekommen wir mit ihrer Hilfe heraus, dass die beiden Menüs jeweils unterteilt sind in sechs verschiedenen Variationen. So hätte ich doch beinahe 12 Essen zu je 18 Euro bestellt, wenn die junge Frau mich nicht gestoppt hätte. Als Entree, also als Vorspeise gibt es kleine Toastscheibchen, auf die man mit einem Minilöffelchen zerstoßene schwarze Olivchen streichen kann. Danach in einem Schnapsgläschen ein wunderbar schmeckendes Champignonsüppchen, das man ebenso mit einem Zierlöffelchen im Zeitlupentempo zum Munde führt. Barbara isst dann Schweinefiletchen mit Prinzessböhnchen und einem Häufchen Kusskuss mit Schokoummantelung und ich mache mich über die beiden sparsam bestückten Gambasspieße her, um die herum gefüllte Strauchtomätchen platziert sind, ebenfalls eingebettet in einem Kusskussringchen, dem sehr viel Knoblauch zugesetzt ist. Aber es schmeckt uns. Dazu ein 0,25 Literfläschchen Heinecken-Bier zu 3 Euro. Automatisch wird uns eine Karaffe eisgekühltes Leitungswasser hingestellt. Das Restaurant ist nach 20 Uhr recht gut besucht, obwohl das Wetter gerade nicht dazu angetan ist außer Haus zu speisen. Nach zwei Stunden hasten wir im Regen nach Hause. Ich habe Hunger, esse noch ein paar Knabbereien und wir leeren zusammen noch eine Flasche „Picpoul de Pinet“ aus der Gegend „ Coteaux du Languedoc.“ Zufrieden mit dem Tag freuen wir uns auf Morgen, wo wir wieder ein Stück näher an die Heimat herankommen werden. Zirka 980 Kilometer sind es noch bis Lauterbach, 1100 bis nach Hofgeismar-Carlsdorf. Doch es wird noch mindestens 4 Wochen dauern, bis wir unser Dorf am Rande des Reinhardswaldes wiedersehen . Ein Klinikaufenthalt steht mir noch in Süddeutschland bevor (in Bad Krotzingen??) und zuvor hoffentlich der Besuch bei dem Zetorhändler in der Schweiz bei Bern, der uns im März so nett eingeladen hat.

 

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