Idee

Eigentlich begann unsere Reise schon 1986, als unser damaliges Lieblingsgefährt mangels zusammengehörenden Massen sich anschickte, sich von jeglichen Adhäsionskräften vehement zu befreien.
Die Rede ist hier von unserer letzten heißgeliebten Ente, auch Döschewo genannt, mit der wir mit unseren Kindern allezeit pannenfrei jahrelang durch die verschiedensten Länder Europas gefahren sind, um sogenannte gutbürgerliche Sommerurlaube in gutbürgerlichen Zelten und in gutbürgerlichen Ferienhäusern zu verbringen.

Der größte Feind aller sauerstoffumwehten Karossen, ein brauner Geselle mit starker Tendenz zum Lochfraß zeigte sich plangemäß schon nach 13 Jahren als Sieger und wir … nahmen vorerst Abschied von wohltuend erschütterungsarmen Ausflügen in dieser wonnereichen Sänfte auf vier Rädern, über deren unglaublichen Endgeschwindigkeit von 110 km/h wir so manchen Stinkefinger motorisch unterlegener Polski-Fiats und schwachbrüstigen Schwalbenschwanzdiesels beim Überholtwerden auf der Autobahn stets notorisch ertragen haben.

Aber zurück ins Jahr 1986 !

Wir beide, meine Frau und ich schwankten damals an Jahren zwischen 30 und 40 und dachten uns X-Jahre weiter.

Wir waren uns ganz sicher, dass Träume Wirklichkeit werden können, wenn man nur fest an sie glaubt.

So entstand die Geburt einer Idee noch vor der Zeugung , wie wir zig Jahre später die „guten alten Zeiten“ der 70er und 80er Jahre wieder aufleben lassen wollten.

Irgendwann, so nahmen wir es uns fest vor, wenn es uns einmal vergönnt sein sollte, in den Ruhestand zu treten, wollten wir sofort wieder aus demselben kraftvoll austreten, um uns dann eine weit über 20 Jahre alte, restaurierte und supergepflegte Ente zu kaufen, um damit, wie früher mehrere Wochen im Jahr am Stück in Erinnerung schwelgend durch halb Europa zu touren.

Just for fun !
Wer sagt denn, dass Oldies nur noch Rollatorenbremsen bedienen können und am Fensterbrett aufgestützt angstvoll auf weitere ruhige Jahre warten.

Wir nicht !

Aber es kam ganz anders !

Nicht, dass wir etwa immobiler geworden sind. Nein !

Nur friedhofsblonder, seniorenrunder und faltenfroher als je zuvor.

Auch unsere Zahnärzte fügten uns im Laufe der Jahre so manchen Schmerz zu, damit wir im Alter keine Furcht vor weiteren haben mussten.

Danke, ihr Seher aus der Dentalwelt !!

Eines schönen Tages, im Frühsommer 2007 lag das Thema „Europatour mit einer Ente“ nach Jahren des Schweigens mal wieder blank auf dem Küchentisch.

Da ich mir aber knapp sieben Jahre zuvor ein Minivehikel mit ganzen 10 PS, einer Höchstgeschwindigkeit von 65 km/h und einer spartanisch engen Kabine zugelegt hatte, wo man automatisch gezwungen wird, mit seinem Sitznachbarn Tuch- oder besser gesagt Ganzkörperfühlung aufzunehmen und wir mit diesem Ausbund von Minimalismus 4-5 mal, auch zur Verwunderung der örtlichen Presse, die sich viertelseitig darüber ausließ in den Urlaub gefahren sind, machte ich meiner Sozia eines Abends den ernstgemeinten Vorschlag, unsere geplante Europatour mit diesem Autochen, bei dem die Erbauer das vierte Rad eingespart hatten loszufahren.

Auch machte ich ihr im gleichen Atemzug noch einmal die Vorteile eines einzylindrigen Wagens und einer Getrenntschmierung, sowie die vier Rückwärtsgänge schmackhaft.

Doch an dieser Stelle (der kleine Dreiraditaliener hätte wohlwollendere Töne verdient) erhob sich plötzlich ein unerwartetes Grollen in der guten Stube, Blitze aus rollenden Sehschlitzen schossen zu mir herüber und aufziehende dunkle Wolken ließen meine krause Stirn noch krauser und mein erschrockenes Antlitz noch blasser werden.

Kurz : Meine sonst bisweilen sehr verständnisvolle Ehefrau ließ mit nur einer einzigen vernichtenden Handbewegung keine weiteren Planungsgespräche für eine eventuelle Tour mit diesem Straßenfloh, der übrigens nach wie vor in Italien sehr populär ist, zu.

Sieben Argumente, die sie sofort parat hatte, sprachen gegen ihre körperliche Mitreise und vierundzwanzig andere waren inkonpatibel mit meinen Vorstellungen. Als mir letztlich nichts mehr blieb als meine Sprache, mit der ich in diesem Moment unvorbereitet rang, blieb sie erstickt in meinen Ohren kleben und ließen selbige traurig herunterhängen.

Aus der Traum mit dem kleinen, tapferen Italiener . Und der mit der Ente ??

„Viel zu teuer, so ein Oldtimer heutzutage!“ kam es ungefragt aus dem Mund meiner Liebsten recht kraftvoll „gesäuselt“, als ob sie meine Gedanken schon nach 31 Jahren des Zusammenlebens hätte erraten können.

Und außerdem“, setze sie noch „lieblicher“ einen drauf, „habe ich inzwischen auch keine Lust mehr, auf der Tour jeden Tag in einem anderen Hotelbett zu schlafen, wochen- und monatelang.“

„Und, und was soll das auch letztendlich alles kosten ?“

„Und die Ente…nun ja. Lass es uns noch einmal durchdenken, wenn es soweit ist „

„Es ist ja noch etwas Zeit bis zur Rente.“

Sie muss aber in dieser Situation anhand meiner abgeheiterten Stimmung instinktiv gespürt haben, dass da irgendwo jemand auf ein Trostwort wartete und sei es auch nur winzig klein.

Lange kam nichts und ich sah mich schon im Geiste täglich stundenlang das Fensterbrett belasten und die Rollatorenbremsen testen.

Doch dann kam der sicher wohlwollend gemeinte „Wende-Halbsatz“, eher gezischt als klar formuliert:“ Dann lass uns halt lieber einen Trecker kaufen und einen alten Caravan. Der fährt auch!“

Und damit schien für sie das Thema ‚Europatour‘ großflächig für weitere Jahre geschickt hinausgeschoben.

Das Schicksal nahm somit seinen unaufhaltsamen Lauf und ich … hatte eine schäfchenreiche Folgenacht.

Dazwischen drängte sich immer wieder die Silhouette eines träge dahinfauchenden Traktors mit einem hintergehangenem stillosen silberfarbenen Caravan in einer endlosen, unwirtlichen Landschaft.

Am Tag darauf verfolgten mich zwar keine Schafherden mehr, aber der spuckende Traktor donnerte noch immer über die Weiten Lapplands, sobald ich die Augen schloss.

Oder waren es etwa die Pässe der Pyrinäen ?

Egal !

Mein Blick in die Zukunft war irgendwann sehr schafmüde und festigte sich erst, als ich einen Geschäftstermin am nächsten Tag wahrnehmen musste, um einen Kunden im Nachbarort zur Beratung aufzusuchen.

Am Ortseingang dieses Dorfes firmierte schon in der 4. Generation ein mittelständischer Landmaschinenhandel mit Werkstatt.

Nicht groß, aber auch nicht klein. Seit Jahr und Tag dominierten rote Traktoren mehrerer Hersteller auf dem Hof des Händlers.

Als ich dann etwas zögerlich beim Juniorchef des Hauses vorsprach und ihm so nach und nach erklärte, dass ich kein Landwirt sei, sondern just for fun einen älteren Traktor zu kaufen beabsichtigte, mit dem ich vier Jahre später eine Tour über 15000 Kilometer durch halb Europas unternehmen wolle, drang minutenlang nur das Geräusch einer hammermäßig tickenden Wekstattuhr an mein Ohr.

Auch die Ehefrau des Juniors, eine sonst sehr redegewandte Person, die inzwischen zu uns gestoßen war, schien mit hochgezogenen Brauen minutenlang stumm, aber ernsthaft über mein wohl nicht alltägliches Ansinnen nachzudenken.

Doch ein Geschäftsmann wäre kein Geschäftsmann, wenn er einem zukünftigen Kunden kein Angebot unterbreiten könnte.

Gewiss, einen „Renntraktor“ würde er mir nicht besorgen können, aber das wäre ja auch total an meinen Planungen vorbei gewesen.

So lagen plötzlich 600 Werkstattuhrticke später zwei frisch ausgedruckte Fotos eines einst orangeroten Schleppers vor mir, der sich verzweifelt auf seinen vier abgefahrenen Ackerpneus zu halten versuchte.

In der Frontansicht dominierte lediglich die durch den Scheibenwischer erblindete Scheibe des Vollglasrahmenaufbaues und die von zwei vergilbten Kabeln gehaltenen Arbeitsscheinwerfer, die in die nicht einsehbare Kabine zu blinzeln schienen.

Weitere Ein- und Ansichten blieben dem Betrachter durch frontale Patinaüberlagerungen

geheimnisvoll verborgen.

Kurzum: Es war wider Erwarten ein richtig ausgewachsener Ackerschlepper.

Und das Wichtigste: Es gab noch Ersatzteile für den fast 30 Jahre alten Boliden.

Und … er stand nicht zum Verkauf in Hamburg oder München oder in Russland, sondern im nahen Thüringen, dem Zweigbetrieb des Händlers.Sicher keine nachgefragte Marke, zumindest in unserer Gegend.

Ganz sicher kein scheunengepflegtes Modell.

Aber ganz sicher ein rostschwangeres Arbeitstier, das treu und brav seinen Dienst in einer ehemaligen LPG verrichtet hatte.

Flopp oder Topp ??

Kaufen oder nicht kaufen ?

Das war hier die Frage.

Ich schloss die Augen und … unterschrieb.

Nicht blind, sondern sehend.

Und hoffend.

Mein Rentenalter war in „trockenen Tüchern“ und ich … in den Sekunden des Unterschreibens schweißnass.

Am selben Abend dann Zuhause mein sicher wohlwollend gemeinter Wendehalbsatz, eher gezischt als klar formuliert: „Ich habe uns heute einen Traktor gekauft, mein Schatz!“

„Du hattest doch vorgestern gemeint, ich solle halt lieber einen Traktor kaufen. Und…und in etwa 14 Tagen wird er überführt !“

„Ist er schon tot?“ kam es mienenlos aus ihrem gekräuselten Suppenschlitz.

„Wach auf, Schatz!“ „Wir haben jetzt einen richtigen Traktor!“

„Nicht, dass du denkst, ich hätte einen Schrotthaufen gekauft! Nein!“

„Er sieht noch ganz schön heiß aus !“

„Allein der eingebrannte Hochleistungs-Silberbronzelack am Auspuff …“

„Und, und er hat sogar eine Luftdruckbremse und ein wunderschönes DDR-Radio und eine kräftige Ackerschiene.“

Es war ein lauer Frühlingsabend, wie gemacht für eine Beichte. Ich hatte Kuchen aus der Stadt mitgebracht und einen Strauß rostroter Tulpen, passend zur Traktorfarbe.

Die Vögel sangen im Garten um die Wette, der Nachbar verbrachte seine Jauche aufs humushungrige Land und im Radio mühte sich auf einem Regionalsender Heino mit dem Schlager der „Schwarzen Barbara“ redlich ab, meiner Lebensabschnittsgefährtin ein zustimmendes Lächeln auf ihre patinaroten Lippen zu zaubern.

„Na gut, dann muss ich mich wohl mit dem Gedanken anfreunden, dass wir jetzt Traktoristen sind !“ kam es nach einer kurzen Bedenkpause aus ihrem schlepperroten Mund.

Und ein wenig : „ Aber du musst mir da auch einen Sitz einbauen !“

Allein dafür, für solch profane Forderungen hätte ich sie spontan lieben können, wenn, wenn ich nicht Besseres im Sinn gehabt hätte.

In diesen entscheidenden Tagen in meinem Midlife-Leben hatten weder eine alte Ente, noch ein Dreiradvehikel, noch eine Ehefrau einen Platz in meinem Kopf.

Alle meine Gedanken kreisten nun täglich um die erwartete Überführung des Traktors aus dem fernen Thüringen.

Die Idee einer Tour durch Europa war nun schon 23 Jahre alt, genau so alt wie unser Traktor im Jahr 2007.

Nur, dass wir alte Träume begraben hatten und uns einem ganz neuen näherten, war uns noch etwas fremd.

Nun musste und … sollte unser Kind auch wachsen.

Und … es … wuchs !

Eine Kopfreise begann !