Philosophie

„Eile mit Weile!“

„Wer langsam geht, kommt auch ans Ziel!“

„In der Ruhe steckt die Kraft!“

„Viele Wenig geben auch ein Viel!“

Diese Lebenseinstellungen und metapherhaften Sprichworte haben sicher ihre Berechtigung, wenn, wenn man nicht gerade zufällig noch mitten im Berufsleben steht.

„Wer langsam geht, kommt auch ans Ziel!“

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben !“

Widersprüchlich scheinen im ersten Moment diese Aussagen zu sein, aber nur…wenn man auf der „falschen“ Seite steht.

Eine Schnecke kriecht im Laufe ihres kurzen Daseins auch ein paar bewundernswerte Schleimkilometer, bevor sie am Ziel ihres Bodenlebens angekommen ist .

„Wer langsam geht, kommt auch ans Ziel!“

Ein Mensch, der seinen Flieger verpasst, zahlt unter Umständen eine Menge Geldes drauf, um das nächstbeste Flugzeug zu erwischen.

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“

Gewiss, es ist schon sehr verführerisch mit dem Gedanken zu spielen, eine große Europatour mit einem herkömmlichen Fahrzeug, wie etwa einem Automobil, einem Motorrad oder sogar mit einem Flieger zu unternehmen.

Viele Menschen, die von unserem Vorhaben erfahren haben rieten uns dazu.

Das wäre dann aber die Fortsetzung mit der gewohnt gebotenen Eile gewesen, die das Berufsleben jahrzehntelang vorgegeben hat und dessen williger Sklave man war.

„Reise um die Welt in 80 Tagen!“

Der bekannte Roman von Jules Verne hatte mich in Kindertagen sehr fasziniert.

Heute, im fortgeschrittenen Lebensalter würde ich viel lieber ein Buch mit dem Titel:“ In 200 Tagen mit dem Traktor durch Europa“ lesen, gäbe es das reiseschriftstellerische Werk im Buchhandel.

Schneller, höher, weiter !

Gesünder ?

Viele unserer Zeitgenossen teilen uns jederzeit ungefragt mit nicht unbeträchtlichem Stolz mit, sie wären im letzten Urlaub soundsoweit in nur einem Tag gefahren, um möglichst viel Zeit zu sparen und um viel zu erleben.

Welch ein „Erleben!“

„Durch China in 10 Tagen“ und andere Schauerreiseangebote haben mich schon immer unberührt gelassen.

In den frühen 60er Jahren bekam ich mal von einer Tante ein hochspannendes Jugendbuch geschenkt, in dem beschrieben wurde, wie sich eine Familie mit drei Kindern einen alten, ausgedienten Langschnauzer-Omnibus gekauft hatte, um nach einem größeren Umbau damit in die Ferien zu verreisen.

Schön langsam auf den rumpeligen Landstraßen von damals gab es jeden Tag ein neues Abenteuer zu bestehen und ich lebte praktisch als unsichtbarer Teilnehmer in und mit dem Buch und ihren Figuren.

Aber … was hat das alles mit unserer geplanten Fahrt durch Europa zu tun ?

„Zeit ist Geld!“ Richtig !

„Die Zeit ist das einzige, was man uns nicht nehmen kann!“ Auch richtig !

Sicher haben wir uns für das Unternehmen ein zeitliches Limit gesetzt und auch die Stunden des Tages wollen im Jahr 2011 gut eingeteilt sein.

Doch … es hat keine Eile, wenn wir mal in Fahrt gekommen sind….

Wir müssen ja keine 100 km am Tag fahren.

Wir müssen keine 5 Stunden am Tag auf den harten Sitzen des Treckers verbringen.

Wir müssen auch nicht alle Tage durchfahren, wenn uns danach nicht ist.

Es soll überhaupt kein „Müssen“ mehr geben.Schon in den vergangenen zwei Jahren, wo wir sogenannte kürzere Probefahrten mit unserem Gespann in den Sommermonaten durchgeführt haben, wurde uns schmerzlich bewusst, wie wenig wir zuvor auf unseren Reisen mit anderen Verkehrsmitteln visuell von der Anfahrstrecke wahrgenommen hatten.

Besonders wenn man selbst am Steuer sitzt und permanent angespannt bedingt durch die üblichen Geschwindigkeiten jenseits der Grenze über 25 km/h auf den fließenden Verkehr achten muss, auch wenn er mal nicht fließt oder dann erst recht.Die Augen erfassen dann nur bruchstückhaft die Landschaft links und rechts der Straße.

Gut, man wirft schon mal gezwungenermaßen einen oder mehrere kurze Blicke während des Fahrens auf das gerade vorbeirauschende wunderschöne Tal rechts von der Chaussee oder auf das Gipfelkreuz in der Ferne links vom Asphalt.Die getriebene Seele jammert lautlos vor sich hin, möchte man doch just in diesen Augenblicken für eine längere Zeit von der schönen Landschaft eingefangen sein.

Der kleine Wildbach im Tal tief unten, die Kinderwandergruppe neben der Pferdekoppel, die Schafherde auf der Wiesenanhöhe oder auch nur der golden blühende Huflattich im Straßengraben bleiben unseren Augen entweder durch die zu hohe Fahrgeschwindigkeit verborgen oder werden nur schemenhaft wahrgenommen

Allein die Reisegeschwindigkeit bestimmt unser Sehen !!

Am Ende einer längeren Autoreise haben wir zwar viel gesehen in unseren Blickwinkeln, aber nichts erlebt, was uns glücklich macht.Erst das innere Erleben, das längere Verweilen an einem Platz, das Aufnehmen mit den Augen , das Verarbeiten der Eindrücke mit allen unseren Sinnen, die erlebte Freude über das Schöne, Beschauliche, Sehenswerte macht uns zu Sehenden, zu Wissenden.Und das … geht nur wenn unsere Reisegeschwindigkeit dem inneren starken Bedürfnis, ‚sehen‘ zu wollen angepasst ist.

Ein Dreiviertelleben im Alltag gehetzt zu sein, getrieben zu werden, die innere und auch die sichtbare Uhr immer im Kopf und vor Augen zu haben, stets auf Hochleistung, Geschwindigkeit, Pünktlichkeit und Angepasstheit getrimmt zu sein kann letztendlich nicht zur Zufriedenheit führen.

Der schleichende Trend zum inneren Chaos, dem Motto folgend : „Wer durch-das-Leben-hastet, kommt früher im Himmel an“ wollen wir Paroli bieten.

Wir haben uns deshalb vorgenommen, unsere Lebensgeschwindigkeit, so wie sie zur Zeit noch abläuft zu bremsen, gefühlvoll aber gezielt zu drosseln, um uns dadurch einer größeren Lebensqualität zu erfreuen.Aber auch unsere Neugier auf das Neue, das Fremde, das Unerwartete und besonders auf Menschen, die uns auf unserer Reise begegnen werden sind ein starkes Motiv, das kalkulierte Wagnis einer ungewöhnlichen Reise einzugehen.

„Wer langsam geht, kommt auch ans Ziel!“

Das ist wohl wahr!Wahr ist aber auch, dass Träume und Sehnsüchte mitunter erst ab einem gewissen Lebensalter realisierbar werden.

So haben wir beide, meine Ehefrau Barbara und ich erst in der siebten Dekade unseres Lebens ein neues , erreichbares und lebenswertes Ziel gefunden, welches aus einer Idee vor 25 Jahren entstand und um uns nun in naher Zukunft zu mehr innerer Ruhe, Ausgeglichenheit und Zufriedenheit führen soll:

Eine Traktorfahrt durch Europa im Schneckentempo und mit neuer Lebenslust .

Aufstehen, losgehen, ankommen… !

Diese drei Vorsätze waren Zeit meines Lebens meine Begleiter.

Unsere Philosophie dieser bevorstehenden Mammutreise mit einem Traktor wird hoffentlich nicht nur uns ständige Mahnung und Ansporn sein :

ES LEBE DIE ENTSCHLEUNIGUNG !

Kehren wir also ein in eine andere Welt und …verweilen ein wenig länger in ihr als gewöhnlich.

Wir leben nur einmal !!!

Auch DU und Ich !