Nach anfänglichem Zögern hatte ich die litauischen Grenzer soweit, dass sie sich fotografieren ließen

Polen – 15.06.2011

15. Juni

Um Punkt Acht werden die Rollläden in dem kleinen Dorfladen an der Grenze zu Polen hochgezogen. Wir haben schon alles wieder reisefertig gemacht, die Aufgangstreppe zum Bauwageneingang hochgezogen und Navi, Handy, Landkarten, Marschverpflegung und gute Laune in die Treckerkabine verbracht.

Storchennester gibt es in allen Dörfern
Storchennester gibt es in allen Dörfern

Einige Dinge für den Tag können wir hier gleich einkaufen. In zwei Minuten hat uns die elende E 67 wieder. Wie ich diese Straße inzwischen hasse. Langweilig ist sie und gleichermaßen gefährlich für unsereins, die wir ein Störfaktor für die rasenden Trucks sind. 45 Kilometer sind zu tuckern bis an die polnische Grenze.

Wir sind sehr gespannt auf das polnische Hinterland und freuen uns schon sehr auf die Menschen, die wir dort antreffen werden und die Landschaften, über die wir schon so viel gelesen haben. Mindest zweimal am Tag wenn wir durch eine Ortschaft fahren, die etwas abseits des Highways liegt, können wir auf den sehr altertümlich aussehenden Strommasten ein belegtes Storchennest sehen und …fotografieren. Ein seltener Anblick für uns Nordhessen.

Wir erwischen gerade noch drei Stunden nach Abfahrt vor der Grenze zu Polen die letzte litauische Tankstelle. Wir haben noch etwa 120 litauische Lat und wollen sie nutzbringend ausgeben. An den Tankstellen müssen wir immer gut aufpassen, was wir in den Tank füllen. Es gibt drei Sorten Diesel. Einmal nur für Trucks, der etwas billiger ist, dann der normale Diesel und dann noch der Superdiesel. Es juckt mir ja in den Fingern, einmal „Super“ zu tanken. Vielleicht sind wir dann um 25 km/h schneller. Aber ich lasse es besser.

Ich frage die Kassiererin, ob sie wohl einen Aufkleber für mich hätte. Sie verneint. Aber in einer hinteren Ecke sehe ich doch ein großes, grünes Eichenblatt, das wie ein Abziehbild aussieht. Ich zeige mit dem Finger darauf. Die junge Frau bricht in Gelächter aus und erklärt mir dann in gebrochenem Englisch, das wäre das vorgeschriebene Zeichen für Fahranfänger in Litauen. Trotzdem möchte ich es haben. 2 Lat zahle ich mit einem breiten Grinsen und klebe sogleich den leuchtenden Aufkleber an die rückwärtige Scheibe des Treckers. Irgendwie bin ich ja auch Fahranfänger. Zumindest in Litauen.

Nach anfänglichem Zögern hatte ich die litauischen Grenzer soweit, dass sie sich fotografieren ließen
Nach anfänglichem Zögern hatte ich die litauischen Grenzer soweit, dass sie sich fotografieren ließen

Die Grenzstation ist eine einzige große Katastrophe, was die Zufahrt betrifft. Schlaglöcher reihen sich an tief ausgefahrene Längsrillen und Längsrillen reihen sich an Schlaglöcher. Ich fahre Schritt und die Fahrer hinter mir hupen wie wild. Sollen sie doch. Ich habe nur einen Traktor und ein Leben. Weit vorne stehen zwei Grenzer in grünem Overall und wippen mit einer Kelle. Ich bin gerade dabei, wieder etwas Gas aufzunehmen, da schreit Barbara: „Halt an, halt an, sie stoppen uns!“ Hatte ich übersehen. Ich rumpele auf den zerfransten Seitenstreifen, stelle den Motor ab und steige aus. Das kann ja heiter werden. Die beiden sind etwas brummig und ich frage sie auf Englisch, was sie bitteschön möchten. Sie fragen zurück, was ich „geladen“ habe. Ich kann mir ein innerliches Grinsen nicht verkneifen und zähle langsam auf:“ Eine Küche, eine Spüle, ein Doppelbett, eine Eckbank, eine Toilette, einen Küchentisch, 8 Rollen Klopapier und…“ Da sagt der Eine: „Can you make the Trailer open?“ Natürlich kann ich, aber ich zähle weiter auf:” Zwei Küchenschränke, einen Teppich, einen Gasflaschenschrank, einen Wassertank…“ Der Andere winkt ab.

Gewonnen!

Ich brauche die Treppe nicht herunter lassen und zeige stattdessen den Zöllnern unsere große Landkartentafel. Sie blicken erstaunt auf die eingezeichnete Route und unterhalten sich kurz in ihrer Sprache. Wir können weiterfahren. Ich bin ja gewöhnlich nicht dreist, aber immer neugierig auf die Reaktion von Menschen. Also frage ich, ob ich ein Foto machen könnte von den Grenzschützern. Erst schütteln sie bedenklich den Kopf, nicken aber dann. Barbara stellt sich daneben und ich bekomme ein sehr schönes, klares Foto von zwei verdutzten litauischen Grenzern. Nun aber schnell weiter. Der polnische Zoll wird ja wohl nicht dasselbe Theater veranstalten. Es geht alles gut. Niemand da.

Schon nach kurzer Zeit wird meine Aufmerksamkeit auf die blühenden Wiesen gerichtet. Die blaue Kornrade, die Margerite, das Weidenröschen, der Mohn und die Lupinen eifern im Wettstreit um die beste Farbe. Der Hollunder blüht und die Linden sind von Bienen umschwärmt. Das ist Natur pur. „Der Himmel ist überall!“ Ich bin so happy, dass ich das Lied „Resi, i hol di mit dem Traktor ab“ anstimme. Immer wieder. Barbara mault. „Nicht so laut!“ Dabei ist unser Motor mindestens um 80 Dezibel lauter. Jetzt maule ich.

Eine gute Stunde hinter der Grenze wird die Landschaft anders. Viel hügeliger, viel mehr einzeln angepflockte Rinder und Pferde auf der Weide und irgendwie schöner und abwechslungsreicher. Die Tankstellen, die es hier gehäuft gibt, hätten wir in Lappland gut brauchen können. Diesel kostet etwa 1,35 Euro. Wir sehen eine Wechselstube und besorgen uns polnisches Geld. Kleine Scheine gibt es und das Hartgeld ist unserem sehr ähnlich. In einer Truckerkneipe essen wir das, was alle hier essen: Gulasch mit Knödeln und Salat. Ein Essen kostet mit einem Getränk 4 Euro. Da wäre finanziell noch Luft für eine Nachspeise drin, doch wir sind satt bis oben hin. In Polen begegnen uns LKW’s und alte Langschnauzer-Busse der Marke „Tatra“ und auch eine schwarze russische Luxuslimousine mit geschwungenen Kotflügeln der Marke „ZIL.“ Wir haben uns aus dem ADAC-Campingführer den ersten Platz nahe der Grenze ausgesucht.

In Polen ist das Zelten noch "in"
In Polen ist das Zelten noch "in"
Unser 1. Campingplatz bei der nordostpolnischen Stadt "Suwalki"
Unser 1. Campingplatz bei der nordostpolnischen Stadt "Suwalki"

Trotzdem sind es bis dahin stramme 120 km. Die Wegbeschreibung ist gut. In der verkehrsreichen Stadt „Suwalki“, früher „Suwalken“ geht es links ab auf eine ruhigere Straße, die auf der Karte als landschaftlich besonders schön bezeichnet ist.

Unser 1. Campingplatz bei der nordostpolnischen Stadt „Suwalki“.Wir würden dem Hinweis sehr gerne folgen, jedoch die Straßenverhältnisse auf der Straße Nummer 660 lassen es nicht zu. Wir biegen in Richtung des Campingplatzes ab. Drei Kilometer sind es bis dahin, steht auf einem Schild. Wir sind noch nie seit Beginn unserer Reise auf einem schlechteren Zufahrtsweg gefahren. Berghoch, bergrunter, berghoch, bergrunter. Das ist nicht das Schlimmste. Aber die Schlaglöcher und die Enge des abfallenden Schotterweges… Zwei Autos kommen aneinander keineswegs vorbei.
Kurz vor dem Platz stoppt uns ein Landwirt, der mit seinem verrosteten „Ursus-Traktor“ gerade Heu wendet. Er stellt sich als der Besitzer vor und kann sich gar nicht mehr einkriegen wegen unseres Gespannes. Wir sollen nur weiter fahren und oben am Berg wäre der Stellplatz. Tatsächlich!

Wir sind in der Nähe der sogenannten „ Augustower Puszta.“

 

 

Blick aus dem Bauwagenfenster über den "Wigry-See" auf den Ort "Folwark"
Blick aus dem Bauwagenfenster über den "Wigry-See" auf den Ort "Folwark"

Ein großer, alter Bauernhof mit einem Kettenhund, der uns schwanzwedelnd empfängt taucht auf und dahinter eine Wiese, wo etwa 20 Einmannzelte aufgebaut sind. Dahinter ein See, der „J.Wigry“ und viele Kanus am Ufer. Hier übernachtet eine Gruppe älterer Polen, die alle mit Fahrrädern angekommen sind und ein paar Tage im großen See paddeln wollen. Es ist auch ein bekanntes Naturschutzgebiet, wo die Einheimischen gerne ihren Urlaub verbringen. Wir sind die Einzigen, die auf vier Rädern angerollt sind. Alle Aufmerksamkeit gilt uns. Dann werden wir von einem jüngeren Paar auf Deutsch angesprochen. Sie sind Deutsche, leben aber in Irland und sind mit ihren Fahrrädern auf dem Weg nach … Indien ! Man glaubt es nicht. Die beiden sind sehr nett und heißen Birgit und Peter. Sie haben viel zu berichten und wir ebenso.

Am Abend gehen wir über verfallene Stege am Seeufer entlang zwei Kilometer zu einem kleinen Ort, wo es ein Restaurant mit Bierausschank gibt. Das Nulldreierbier kostet 1, 10 Euro und schmeckt sehr gut. Nicht bitter, eher so a la Pilsener Urquell. Die Polen verstehen es, Bier zu brauen! Es gibt leider auch hier keinen Wireless-Lan-Anschluss und so begnüge ich mit mit dem Schreiben des Berichtes vom gestrigen Tag.

Die Paddler sitzen noch bis nach Mitternacht am Lagerfeuer und unterhalten sich leise.

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