Nichts geht mehr!

Schweden – 22.04.11

22.April

Rast am "Sävleälf"-Fluss
Rast am "Sävleälf"-Fluss
Nichts geht mehr!
Nichts geht mehr!

 

6 Uhr 15. Wir sind hellwach. Die Sonne scheint uns durchs gelbe Rollo mitten ins Gesicht. Wir sind ausgeschlafen und fahren um halbneun ab. Die Ausfahrschranke lässt sich nicht öffnen. Das liegt, wie wir wissen an der Bodenfreiheit des Treckers. Barbara probiert es bei der Einfahrschranke. Das geht. Also Rückfahrsperre lösen und ein paar Meter zurückstoßen. Endlich wieder offroad. Wir haben seit Dänemark kein deutsches Kennzeichen mehr gesehen. Wir sind jetzt Fremde unter Fremden in der Fremde.

Es geht über sehr hohe Berge. Ich werde sie näher in meinem Buch beschreiben, das ich nach der Reise schreiben will. Bis 14% Steigung sind es manchmal. Wahnsinn! Die Orte liegen mehr als 50 km auseinander. Auch Ansiedlungen mit mehr als 5 Häusern sind hier „Orte.“ Die meisten Bäume sehen sehr krank und brüchig aus. Saurer Regen? Dauersturm?

Die von Renee Seidel aus Warburg eigens für uns angefertigten und maßgeschneiderten Sitzkissen sind eine wahre Wohltat. Sie sind warm, weich und fangen die meisten Bodenwellen gut ab. Unser Trecker hat keine Federung. Nur die Luft in den Reifen verhindert einen sogenannten Dekubitus an prädestinierter Stelle.

Wir kommen am „Tamteland“ vorbei. Das ist kein schwedisches neues Bundesland und auch keine Gegend, wo nur Tanten leben, sondern ein Vergnügungspark, wo der Weihnachtsmann das ganze Jahr für die Kinder auftritt und viele Märchenwesen die Besucher ergötzen. Wir haben andere Pläne. Wir verlassen Dalarna und kommen in das Bundesland Härjedalen. Der von uns angesteuerte Campingplatz liegt 129 km entfernt in der Stadt „Sveg.“ Wir erkennen gerade das Hinweisschild: „ Sveg 10 km/ Östersund 202 km.“ Ich denke gerade: in dem Städtchen „SVEG“ ist doch der schwedische Bestsellerautor Henning Mankell geboren, da gibt es einen starken Ruck und der Trecker geht fast vorne hoch.

Peter und Thomas von der Pannenhilfe "DÄCK AB" beim Gewindeschneiden
Peter und Thomas von der Pannenhilfe "DÄCK AB" beim Gewindeschneiden
Ob das wohl hin haut ?
Ob das wohl hin haut ?

Ein scheußliches Geräusch! Wir stehen sofort, wie von Geisterhand gestoppt. Barbara springt raus. Ich hinterher. Der Bauwagen hängt zur linken, der Straßenseite stark über. Das linke, ja, diesmal ist es das linke Hinterrad sehen wir gerade noch einen Abhang hinunter rollen. Es bleibt in einem Sumpfstück liegen. Drei Radmuttern liegen 70 Meter zurück am Straßenrand der Europastraße 45. Wir suchen die beiden anderen, finden sie aber nicht. Die Radnabe, bzw. der Teller mit den fünf Stehbolzen hat sich 3 cm tief in den Teerbelag eingegraben. Das Gewinde der Bolzen sieht sehr glatt aus, ebenso das der drei wiedergefundenen Radmuttern. Und ich…bekomme plötzlich auch ganz „glatte“ Hände. Wir sehen uns an. Sendepause. Dann…Sendepause…und wieder…Sendepause.

Nach der siebten Schockminute rufe ich mit dem Handy den schwedischen ADAC an. Die Dame will immer wieder wissen, wie groß die Räder des Traktors sind und welches Fabrikat es ist. Sie kann nicht glauben, dass wir mit einem „gammla wogn“ aus Deutschland hier sind, aber sie verspricht Hilfe. Nach 10 Minuten am Handy eine Männerstimme in gutem Deutsch. Er versteht und will den örtlichen Pannendienst für uns rufen. Wir hocken am Straßenrand auf einem mit Flechten bewachsenen Felsen und schweigen uns an.

Es hält ein hellblauer Porsche. Ein Paar steigt aus. Ich sage dem jungen Mann auf schwedisch, es sei alles soweit in Ordnung. Der antwortet in bestem Deutsch mit norddeutschem Akzent, dass er in Strömsund in Nordschweden wohne, aus Cuxhafen stamme und auf der Durchreise ist. Wenig später hält ein dunkelblauer Werkstattcombi aus der Stadt Sveg. Zwei junge Monteure, Thomas und Peter besehen sich den Schaden. Ja, die Muttern sind hin. Und mit den „abgenudelten“ Stehbolzen geht’s auch nicht mehr. Sie sind viel gelassener als wir. Obwohl… Barbara bewundert einmal mehr mein ausgleichendes Verhalten und meine Zuversicht und äußere Ruhe in solchen Ausnahmesituationen.

"Gewohnter" Anblick
"Gewohnter" Anblick
Wir sichern die Unfallstelle ab...inzwischen Routine für uns
Wir sichern die Unfallstelle ab...inzwischen Routine für uns

Die Retter fahren die 10 km zurück ins Lager in die Stadt und holen 5 funkelnagelneue Radmuttern. Mit sehr viel Mühe schneidet der eine mit einem Gewindeschneider und einer Gewindefeile das Gewinde der Radbolzen nach. Mit Druckluft wird dann die Hinterachse angehoben. Sie sind gut ausgerüstet, die beiden von der Firma „DÄCKAB“ vom Bärgningstjänst, dem Bergungsdienst.

Tolle Jungs, die am Karfreitag, dem schwedischen „Langa Fredag“ oder auch Helg (Feiertag) arbeiten und sich ärgern, dass der Schnee schmilzt, denn sie fahren zu gerne Snowmobil. Nach 70 Minuten kommt das Rad an seinen Platz.

Es hätte schlimm ausgehen können, wenn das rollende Solorad einem Auto in die Quere gekommen wäre. So habe ich mir nur ziemlich nasse Füße im Sumpf vorhin geholt und sehr, sehr schmutzige Hände. Die beiden sind stolz auf ihr Werk.

Wir zahlen 800 schwedische Kronen, etwa 90 Euro für die Pannenhilfe. Das ging ja noch. Es kann durchaus sein, so unsere Recherche , dass der dänische Werkstattmann die Muttern der linken Seite nur lose aufgeschraubt hat, als er ein Muster des kaputten Kugellagers für die rechte Seite brauchte. Wir wissen es nicht und fahren mit 10 km/h zu unserem neuen Standplatz.

Niemand da. Das kennen wir nun schon. Ein norwegischer Gast telefoniert gestenreich im Unterhemd vor dem Trecker stehend den Platzwart an. Wir können uns dahin stellen, wo wir möchten, hören wir und der Verantwortliche will später kommen, um uns die Schlüssel für die sanitären Anlagen zu bringen. Die Nachbarn hier sind sehr nett und noch bevor wir unsere sechs Stützen heruntergefahren haben, stehen schon vier Camper da und fotografieren uns, als wären wir die letzten Ochsen in einem Wanderzoo.

Silhouette des Städtchens "SVEG" von vom gegenüber liegenden Flussufer
Silhouette des Städtchens "SVEG" von vom gegenüber liegenden Flussufer

Der Platz liegt zentral am Rande der City an einem breiten, träge dahin fließenden Fluss. Er heißt „Ljusnan“ und ist mehr als 200 Meter breit.

Wir wollen uns bis zum Dienstag nach Ostern einmal so richtig ausruhen nach den etwa 1700 Kilometern und, da auch die Bremsleitung leckt und am rechten Hinterrad des Treckers Öl nach allen Seiten an der Felge herunter läuft, eine Werkstatt aufsuchen. Auch das linke Vorderrad ist stark abgelaufen. Wir wollen die Räder umwechseln lassen.

Es wird spät werden, bis wir am Nordkap sind. Aber…“Gut Ding will Pannen haben“ oder wie das Sprichwort immer heißen mag. Hoffentlich sind am Ostersamstag ein paar Geschäfte offen. Wir brauchen Brot und Getränke und einen Osterbraten.( Paskmat)

Ein ziemlicher alkoholisierter, aber sehr zugänglicher Norweger neben uns auf dem Platz holt seine Fettpresse aus seinem Caravan und drückt ordentlich Radlagerfett ins Kugellager des Crashrades, das ziemlich trocken war. Ich halte ihm eine Büchse Leichtbier hin, die er auf ex austrinkt. Gibt’s denn in Norwegen kein Bier? Er borgt uns auch seinen Schlüssel für die Toilettenanlage, da er, wie er brummelt, erst am nächsten Morgen gegen 10 Uhr aufstehen will. Kann ich gut verstehen. Der Platzwart lässt sich nicht sehen. Wir warten bis 21 Uhr auf ihn.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

fünfzehn + 7 =

*