Tante Paula

Mit einem halbwegs restaurierten, aber stets in den Startlöchern stampfenden Traktor über Stock und Stein oder besser gesagt über einen frisch gepflügten Acker oder über eine örtliche Schnellstraße zu düsen machte zwar einen Heidenspaß.

Jedoch, wie sich schon recht bald nach meinen eingehenden Untersuchungen herausstellte, konnte man weder im Traktor ein ordentliches Essen zubereiten, noch seine Notdurft in ihm verrichten oder mit vier Personen gescheit Karten spielen.

Irgendetwas schien zu fehlen!

Was konnte das nur sein ?

Eine kräftige Ackerschiene war vorhanden, eine drehzahlabhängige Heizung gab es auch, wenngleich auch die Minimotoren entsetzlich während des Betriebes quietschten, einen von Hand bedienbaren Heckscheibenwischer aus russischer Produktion und … viele undefinierbare Hebel links und rechts, vor und hinter dem Fahrersitz.

Deren Sinn ergab sich im Laufe der Zeit eher zufällig, wenn beim bewussten Durchbewegen der Hebel oder auch beim unachtsamen Anstoßen derselben irgendetwas zuvor Ratterndes oder Surrendes ausfiel oder anfing, sich lautstark zu erkennen zu geben.

Irgendwann machte es ‚klick‘ in den Tiefen meines Oberstübchens und das schreckliche Bild eines stromlinienförmigen, modernen Caravans stand plastisch vor meinen Augen.

Hatte meine Ehefrau nicht einmal so ein anhängbares Luxusei favorisiert ?

Ich dagegen empfand eine solch hypermoderne Reisebude für einen stampfenden alten Traktor weniger passend und schon fast beleidigend.

Man stelle sich einen altgedienten Landwirt vor, der über den Acker statt einer Egge einen Laptop hinter sich herzieht…

Aber … wozu gab es das Internet ?

Schnell hatte ich ein paar Seiten gefunden, wo alte und neuere Bauwagen die Bildschirmfläche ausfüllten.

Das war’s !!

Die unterschiedlichsten Längen, Höhen, Breiten, Materialien und Aufbauten wurden teils in halben, ganzen oder Restteilen angepriesen.

Schön in bester Farbe ausgedruckt präsentierte ich meiner Liebsten eines Nachmittags meine Fundstücke.

Nun ja !

Begeistert schien sie nicht gerade, als sie die verbeulten und überwiegend plattfüßigen meist orangefarbenen Bauwagenfragmente erblickte, die die Gemeinden abstoßen wollten.

Einen Schäferwagen, den ein süddeutscher Kleinbetrieb in Handarbeit herstellte erregte aber nur für Augenblicke mein Interesse.

Doch durch die zu kleinen Abmaße und die erhebliche Summe Geldes, die man aufwenden musste, um solch ein Schmuckstück zu erwerben, hielten mich von weiteren Überlegungen ab.

Eines Tages, mitten in einem Krimi rüttelte mich meine andere Hälfte unsanft in meinem Fernsehsessel wach, indem sie urplötzlich lautstark zwischen der dritten und der vierten Leiche ihre präzisen Vorstellungen von einem Wohnbauwagen kund tat.

So wie ein alter Zirkuswagen oder Zigeunerwagen … so sollte unser zukünftiger Schlafwohnkochanhänger aussehen, meinte sie.

„Du weißt schon, so einer mit einer Treppe und einer Veranda und mit Fensterläden und Blumenkästen am Geländer und so …“

Ich war sprachlos und verpasste den fünften Toten, der irgendwo aus einem Fluss gefischt wurde.

„Du kennst doch wohl noch die Fernsehserie „Pusteblume“ mit Peter Lustig,“ versuchte sie meine nicht vorhandenen Denkblockaden aufzudröseln.

Ich war nicht sehr glücklich in diesem meinem Überraschungsmoment, nein !

Ich war selig, dass wir ohne viel Worte gemacht zu haben, fast die selbe Vorstellung von einem fahrbaren Wohnzimmer hatten.

Nun aber ging die Suche nach dem Objekt unserer Begierde erst richtig los !

In den Folgetagen und – Wochen wurden alle Anzeigenseiten aller Tages- und Wochenzeitungen unserer Region penibel nach einem Bauwagen durchforstet.

Kam dann mal einer in die engere Wahl, war er gewöhnlich schon einen Tag vor Drucklegung wieder weg.

Enttäuschend !

Im Verlauf des darauffolgenden Winters fuhr ich alle in Frage kommenden aktiven und stillgelegten Baufirmengelände an, immer in der wagen Hoffnung, dass sich unser Traumdomizil irgendwo zwischen alten Radladern und Baggern und Stapeln vermoderter Holzpaletten verstecken würde.

Doch einzig ein eingetretener Dachpappennagel und schlammdurchweichte Winterstiefel waren die traurigen Ergebnisse meiner Sucheskapaden.

Auch das Internet schien nicht ergiebig.

Gut ausgebaute Bauwagen gab es schon hin und wieder, aber nur… im fünfstelligen Bereich.

Es wurde Januar, es wurde Frühling und unser Traum schien nicht realisierbar.

Irgendwann kam ich auf die Idee, es auch mal im Aktionshaus ‚Ebay‘ zu versuchen.

Schon beim ersten Einloggen stockte mir der Atem !

Unter den verschwindend wenigen brauchbaren Angeboten bot doch da wirklich ein Schlepperfreund aus einem Nachbarstädtchen seinen Oldtimerbauwagen zur Versteigerung an.

Dieter und Tante Paula

Fast komplett zum Schlafen und Wohnen ausgebaut mit vielen sinnvollen Extras und außen und innen mit Holz verkleidet und mit Treppenaufgang, Veranda, Doppelstockbetten und einer angepriesenen Auflaufbremse.

Dazu gab es noch eine Sitzbank, einen Tisch, elektrischen Strom und viele andere Annehmlichkeiten mehr.

So richtig heimelig sah dieser Bauwagen auf der Abbildung im Internet aus.

Zwar hatte er schon weit über 40 Jahre auf dem runden Buckel, aber er schien straßentauglich zu sein und auch der Preis war ein sehr fairer, wie wir beide befanden.

Schon am nächsten Tag fuhr ich mit meinem Sohn und einem sachverständigen Nachbarn hin, um mir die Karre aus nächster Nähe zu betrachten.

Es war draußen lausig kalt, der Weg zum Bauwagen auf dem Bauernhof des Verkäufers war alles andere als trocken begehbar und es regneteseit Stunden.

Als dann von den Besitzern endlich der Türschlüssel aus der Tasche gezogen wurde und wir die drei Metallstufen hoch zum Eingang gehen durften, waren bei mir jegliche Fröstelempfindungen mit einem Mal verschwunden.

Vier Blicke in alle Ecken des Bauwageninneren genügten mir, um hocherfreut festzustellen, dass wir unseren Reisebegleiter gefunden hatten.

Schnell war nach kurzem Nachverhandeln der Preis bestimmt und ein ordentlicher Vertrag gemacht.

Der eine Besitzer des Bauwagens war ein Schreiner und hatte sich handwerklich eine Weile am Innenleben des Gefährts ausgetobt.

Der zweite war ein Schlosser und wie man sehen konnte ebenso wenig in seinem Beruf unbegabt wie der erste.

Welch ein Glück für mich, da ich, wenn überhaupt, nur ein sehr mittelmäßiger Bastler und Schrauber war.

So stand ein fast fertig ausgebauter Oldie vor mir, der zwar noch viele Wünsche und Sehnsüchte offenließ, aber schon mit der vorhandenen Ausstattung ordentlich Eindruck machte.

Am nächsten Tag fuhr ich mit unserem Zetor hin, um den Wagen abzuholen.

30 Kilometer bis zum Standort waren nicht viel und die 90 Minuten, die ich stramm durchfuhr waren auch keine Ewigkeiten, doch kam mir die Zeit unendlich lange vor.

Das Geld bar in der Tasche, ein rotes Nummernschild im Gepäck und jede Menge Vorfreude im Kopf brachten mich mit Hilfe unseres Navigerätes und dem träge dahinzitternden Scheibenwischer zielgenau zum Verkäufer.

Viele Tipps und Ratschläge und noch mehr gute Wünsche und ein langes Abschiedswinken der Verkäufer im Nieselregen beendeten meinen gut einstündigen Stillstand bei den guten Leuten, nicht ohne versprochen zu haben, dass ich ab und zu mal Nachricht über das weitere Bestehen des Bauwagens geben sollte.

Einziges Manko an der ganzen Geschichte war…der Bauwagen hatte keine Papiere mehr und durfte nur notfallmäßig gezogen werden.

Noootfallmäßig ! Und wir… hatten uns vorgenommen, drei Jahre später damit Europas Feldwege unsicher zu machen.

Die Heimreise mit den angehängten Zwokommafünf Tonnen begann!

Und damit … eine aufregende Zeit.