"NAMEN" gibt es ...

Belgien – 26.07.11

26. Juli

Wir sind spät dran. Doch einmal wieder muss ich mich daran erinnern, dass wir uns im Langzeiturlaub befinden und ich nicht pünktlich im Büro sein muss. Das Wetter ist heute dazu angetan, zu reisen. Keine Sonne, 15 Grad draußen und in der Kabine nach einer Stunde Fahrt 18 Grad. Das ist viel angenehmer, als wenn sich bei höheren Außentemperaturen das Treckerinnere im Nu auf über 35 Grad aufheizt. Wir befinden uns immer noch in Flandern, wenn auch im südlichen Teil des Landes. 85 Kilometer wollen wir heute auf den Nationalstraßen fahren.

"NAMEN" gibt es ...
"NAMEN" gibt es ...

Die Belgier legen fast noch größeren Wert auf die Ordnung in ihren Vorgärtchen als die Holländer. Jede Zierhecke, jedes Buchsbäumchen, jeder japanische oder mazedonische Minibaum ist akkurat in Form gebracht. Aufs Blatt genau! Auch die Wege und Pfade zum Haus sind immer exakt linear ausgerichtet und oft mit verschiedenfarbigem Kies oder feinem gelben oder braunen Schreddergut abgestreut. Man meint mitunter, man stehe in einem japanischen Vorzeigegarten oder im Musenpark eines Schlosses. Putten und Gartenzwerge stehen oder hängen sich gegenseitig den Rang ab. Unkräuter? Was ist das, wird sich der Belgier erstaunt fragen. Es gibt kein Wild- oder Unkraut in belgischen Gartenanlagen. Auch bei Nieselregen sehen wir schon morgens Rentner und Rentnerinnen mit der Gartenschere, einer Wasserwaage und einer Richtschnur bewaffnet, im Vorgarten stehen und sich mit der frisch geschliffenen Gartenschere den eh schon krummen Rücken verbiegen. Na, das wäre was für uns. In unserem großen Parkgarten zuhause erfreuen wir uns immer wieder über aufkeimende Wildkräuter, wenn sie denn schön blühen und sich die Schmetterlinge und die Bienen am Nektar laben. Ob ein Belgier schon mal ein Gänseblümchen gesehen hat oder kennt er es nur aus Büchern? Aber Spaß beiseite. Das Land ist ebenso wie das saubere Holland ein Vorzeigeland im besten Sinne. Wer die absolute Ordnung liebt, ist hier richtig und kann einen „ordentlichen“ Urlaub verbringen.

So "viel" sieht Barbara, wenn es stark regnet durch die Windschutzscheibe
So "viel" sieht Barbara, wenn es stark regnet durch die Windschutzscheibe

Wir beide dagegen lieben die geordnete Wildnis, wenn sie nicht zu sehr überhand nimmt. Bei einer Rast bei „St. Truiden“, wo wir unsere geschmierten Stullen mit „Dörnberger Stracke“, einer Spezialität aus dem Habichtswald verzehren, gehen wir wie jeden Tag einmal um den Bauwagen herum und überprüfen, ob alles noch in Ordnung ist. Ich zähle die Anzahl der Räder ab. Eins, zwei, drei, vier. Alle Räder sind noch da. Das war nicht immer so. Mein letzter Blick fällt auf das an der Stirnseite ganz oben angeschraubte Schild mit der weißen Aufschrift: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben!“ Oje! Nur noch eine Holzschraube von Vieren hat dem Schild noch Halt gegeben. Die übrigen drei Schrauben sind unterwegs durch das Gerüttele der letzten 8000 Kilometer abhanden gekommen. Ich klettere auf die Deichsel und kann gerade so auf den Zehenspitzen stehend die letzte Schraube herausdrehen und das Teil in die Kabine hinter meinen Sitz verstauen. Das hätte einen schönen Knall gegeben, wenn das schwere Acrylschild während der Fahrt auf die Straße gepoltert wäre.

Es begegnen uns auffallend viele Kleinst-PKWS der Marke „Legier“, die ein 65 km/h-Aufkleber am Heck tragen oder auch das runde Blechschild mit dem Aufdruck „40.“ . Scheinbar machen viel mehr Belgier als Deutsche Gebrauch von dieser Art der gemächlichen Fortbewegung. Auch das häufig zu sehende Plakat an Häusern oder am Straßenrand parkenden Autos mit der Aufschrift: „verkocht“, (verkauft) ruft uns ein Schmunzeln hervor. Unwillkürlich erinnere ich mich an den uralten Kinofilm „Die verkaufte Braut“ und setze dafür das belgische Wort für „verkauft“ ein. Ab dem Ort „Hannut“ werden die Straßen steiler uns steiler. Wir sind am Rande der Ardennen angekommen, einem Mittelgebirge, das uns in manchen Streckenabschnitten eher wie ein Hochgebirge vorkommt. Da sind auch schon mal 8% Steigung auf 3 Kilometern Länge drin. Und Wald, Wald gibt es mehr als genug. Feuchter, vor Nässe triefende Bäume am Straßenrand, die ihre untersten Äste auf das Wagendach schlagen lassen. Es ist auch sowieso besser, in der Mitte der Fahrbahn zu bleiben, da die abgebröckelten Ränder der Teer- oder Betonstraßen oft so schräg nach rechts abfallen, dass wir Sorge haben, dass der Bauwagen ins Kippen kommt.

Passt wie angegossen ! Barbara hat die Höhe mit zwei Händen vorher ausgemessen.
Passt wie angegossen ! Barbara hat die Höhe mit zwei Händen vorher ausgemessen.

Die Orte „Landen“, „Hannut“ und „Moxhe“ beweisen uns, dass sie den Holländern im „Drembeln“ in nichts nachstehen. Hier treffen wir wieder auf altbekannte „Berg-und Talbremsvorrichtungen“ mit der Besonderheit, dass sie manchmal ohne Ankündigung durch Warnschilder unerwartet auftauchen. Es hat auch was Gutes. Den nächsten Kirmesbesuch und eine Fahrt auf einer hügeligen Gokart-Bahn haben wir gespart. Vor „Burdinne“ dann unser gesuchter Campingplatz bei dem Ort „Oteppe.“ Zuerst verfahren wir uns gründlich, da das Navi meint, nun wären wir am Ziel und sollen links einbiegen. 12 % Steigung auf einem schlüpfrigen Waldweg wären wenig. Es sind sicher 99%. Und weit und breit kein Hinweis auf den Campingplatz. Nach 10 Minuten ein Seitenstreifen, wo wir halten und einen Hausbewohner nach dem Campingplatz fragen können. Zurück sollen wir fahren, drehen. Unten am Berg, wo wir eingebogen sind, wäre 500 Meter weiter der gesuchte Platz, wenn wir der Straße nach oben folgen würden.

Steiler Aufstieg am Campinglatz im belgischen "Oteppe"
Steiler Aufstieg am Campinglatz im belgischen "Oteppe"

Ich drehe auf kleinster Fläche und mit abgehangenen Stromkabeln in großer Schräglage stets von Barbara kritisch oder auch ängstlich beäugt, ob ich das auch diesmal wieder hinbekomme. Ich komme beim Kurbeln am Lenkrad sehr ins Schwitzen, aber letztendlich stehen wir wieder bergab. Die Auflaufbremse schafft es nicht alleine, das Gespann abzubremsen. Die Fußbremse erbringt Höchstleistungen und es stinkt nach Bremsbelag. Dann stehen wir endlich vor den Schranken des Platzes vor der Rezeption, die mit fünf Mitarbeitern besetzt ist. Eine ehemalige Domäne mit viel Drumrum. Ein Mitarbeiter fährt uns mit einem Elektromobil voran und eine weitere steile Anhöhe hinauf. Oben angekommen müssen wir einen Torbogen durchfahren. Weitere Angestellte und Camper lotsen mich mit vielen Gesten, die alle sprachlich neutral sind, durch die Durchfahrt. Es bleiben immerhin noch etwa 10 Zentimeter über dem Wagendach. Dann aber folgt eine Abfahrt auf ein weiteres terrassiertes Teilstück des Platzes, die es in sich hat. Im zweiten Gang habe ich echt große Mühe, das Gespann in der Spur zu halten, da der steile Untergrund grob geschottert und ausgefahren ist und die Reifen ins Rutschen kommen. Ganz unten, im hintersten Winkel weist uns der junge Angestellte unseren Platz zu. Ein schöner Stellplatz auf einer geraden Wiese, die im Hintergrund von hohen Hecken begrenzt ist. Gott sei Dank, wir stehen sehr gut und ruhig hier und haben bei der Schussfahrt keinen Schaden genommen. Caravangespanne müssen ja auch hier runter. Nur wiegen sie keine 3 Tonnen und sind keine 3,20 Meter hoch. Barbara hat wieder mal den Kopf abgewendet, als ich bergab fuhr. Es sieht von außen wohl auch viel gefährlicher aus, wenn der Bauwagen von einer Seite zur anderen schwankt, als wenn man selber am Lenker sitzt. Ich habe noch nie die Augen bei solchen Eskapaden geschlossen gehabt. Ich will offenen Auges mitbekommen, wie wir irgendwann mal umkippen. Oder … besser nicht. Der Platz ist riesengroß.

Hier hätten wir die Möglichkeit gehabt, uns so richtig auszutoben
Hier hätten wir die Möglichkeit gehabt, uns so richtig auszutoben

Der Spielplatz allein nebenan umfasst zwei Fußballfelder und lässt Kinderherzen höher schlagen. Es gibt ein Restaurant und einen größeren Laden, wo wir alles das finden, was uns zum heutigen Abendessen noch fehlt. Bratwurst mit Salzkartoffeln und Spinat. Die Nachbarn scharen sich alsbald wie wir das so kennen, um unser Gefährt und wir verteilen sehr viele Prospekte aus unserer Heimat. Kaum jemand spricht aber Deutsch. Und „Belgisch“ gibt es sowieso nicht. Das Land teilt sich in drei Hauptsprachgruppen auf: Holländisch, Französisch und Deutsch. Man stelle sich vor, in Deutschland spräche man in Bayern Ustukisch, in Sachsen Tremanisch und in Schleswig-Holstein Brabonisch. Grauslig, der Gedanke. Doch die Belgier scheinen trotz ihren unterschiedlichen Sprachen miteinander irgendwie klarzukommen. Der Platz ist sehr belebt und bevölkert und ich habe das Vergnügen, zwei dänische Familien zu treffen, deren Heimatorte ich von früheren Reisen gut kenne. So reden wir auf Deutsch und Dänisch in Belgien über Dänemark und den Landesteil Wallonien, in dem wir uns nun befinden. Nicht zu verwechseln mit der Walachei, die viel weiter südöstlich zu finden ist.

Fernsehempfang gibt es auch. Nur eine Internetverbindung ist nicht in Sicht. Wieder nicht. Auch keinen Hotspot-Punkt gibt es. Wir schauen bis nach Null Uhr fern und hoffen, doch schon kurz nach 6 Uhr wieder wach zu werden, denn Morgen, am Mittwoch soll es 117 km nach Frankreich gehen und das wären über 7 Stunden Vollgasfahrt über die Ardennen. Ich glaube nicht so recht daran und stelle mich auf die dritte Übernachtung in Belgien ein.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

2 × 2 =

*