Auf der Brücke über die Oder bei "Schwedt"

Deutschland – 01.07.2011

1.Juli

Heute sind wir schneller fertig als wir denken. Der Platz neben der Tankstelle ist nun auch nicht gerade der Hübscheste. Der Vortag steckt mir noch in den Knochen. 180 km waren zuviel. Meine Glieder schmerzen, die rechte Flanke sticht ab und zu und meine Därme grummeln. Aber nicht vor Hunger. Mir geht es nicht besonders gut. Mir ist zwischendurch immer mal heiß und im nächsten Moment friere ich wieder. Wird schon wieder!

Auf der Brücke über die Oder bei "Schwedt"
Auf der Brücke über die Oder bei "Schwedt"
Wir sind (noch) nicht über den Jordan gegangen, sondern haben ihn nur überfahren
Wir sind (noch) nicht über den Jordan gegangen, sondern haben ihn nur überfahren

Es sind ja auch nur 85 Kilometer bis zum Werbelinsee nördlich Berlin zu dem größten Campingplatz dort am unteren Ende des Sees. Vor Schwedt fahren wir über die Oder, polnisch „Odra.“ Wir waren mit meinem 10 PS Dreiradautochen 2002 schon einmal einen Tag in Polen und haben die Oder gesehen. Sogar unsere örtliche Presse schrieb damals über die „Wagemutigen,“ die mit nur 10 PS in einer Minikabine so weit in den Urlaub auf Entdeckungsfahrt gegangen sind. Bei Guben, bzw. Gubin war das seinerzeit.

Eine lange blaugestrichene Eisenbogenkonstruktion überspannt den Strom bei Schwedt, der selten tiefer als 6 Meter sein soll, aber sehr, sehr breit ist. Meine Mutter hat als Kind am Oderstrand in Oppeln (Oppole) gebadet. Sie ist Oberschlesierin und denkt immer noch gerne an ihre frühe Kindheit, die zu Anfang unbeschwert war, zurück. Und ich habe fast jeden Tag an meine Mutter und ihre Geschwister, meine Onkel und Tanten denken müssen, die in diesem schönen Land aufgewachsen sind. Jetzt kann ich noch besser zwischen den Zeilen ihrer Autobiographie, die sie vorletztes Jahr in Buchform in einer Kleinauflage hat drucken lassen, lesen. Bezeichnender Titel: “Ich bin in meinem Leben!“ Sie hat leider noch keinen Verleger für ihr spannend erzähltes Leben gefunden.

Nun haben wir das freie Polen von Nordost nach West durchfahren und mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen gesprochen. Mit Armen wie auch mit Begüterten. Jeder Einzelne wusste uns eine Geschichte zu erzählen. Lebensgeschichten von Freud und Leid, vom Krieg und von der harten Arbeit auf dem Felde, von reichen Hofgütern und dem Tragen von Zweizentnersäcken Mehl, um ein paar Zlotys als Tagelöhner zu verdienen und die große Familie zu ernähren, vom Kindererziehen in der Großstadt in einer Einzimmerwohnung, vom Kohleeinlagern im Stadtkeller und der Rübenernte mit 200 Knechten auf dem Felde, vom Trauern um die viel zu früh Verstorbenen, vom Feiern einer Hochzeit mit dem ganzen Dorf, von Festtagsbräuchen und lustigen Begebenheiten. Und historische Geschichten bekomme ich zu hören, einmal aus einer ganz anderen Sicht. Diese Geschichten machen mich sehr nachdenklich und erweitern meinen Horizont. Wir müssen lernen, europäischer zu denken und…zu handeln. Viele Polen haben die 6-Tage-Woche und arbeiten an den Wochentagen bis zu 10 Stunden. Es ist materiell gesehen gewiss kein reiches Land, aber ein Land, wo die Menschen noch zufrieden sind. Ich habe keinen Polen gehört, der sich über zu viel Arbeit beklagt hat. Im Gegenteil. An den freien Sonntagen hilft ein Nachbar dem anderen beim Hausumbau oder -Ausbau und dabei wird gescherzt und gesungen.

Ein reiches Land! Reich an Mitmenschlichkeit! Wie wir gestern im Radio hörten, haben eine Handvoll dänische Politiker vor, die Landesgrenzen wieder mehr zu kontrollieren, indem der Zoll und die Passkontrolle verstärkt präsent sind. Wir sind beide sehr „entgrenzt“ über diese Maßnahme. Liebe Landsleute: Nehmt’s mit Humor! Macht halt ein Päuschen an der Grenze, schleckt ein köstliches dänisches „Premier-Is“ oder esst ein rotes, saftiges Pölserchen mit süßem, dänischen Gurkensalat. Lasst unsere freundlichen, nördlichen Nachbarn nicht im Stich! Nicht wegen einer politischen Minderheit. Die Bevölkerung ist schon alleine dadurch gestraft, dass solche Politiker, die zur Zeit die Dreistigkeit besitzen, sich über alle internationalen Vereinbarungen hinwegzusetzen, eine Stimme bekommen haben. Dieser Spuk geht vorbei und ist nur eine kuriose Zeitaufnahme. Ein schlechtes Sommerloch. Doch auch wir Deutschen rutschen in Selbiges jedes Jahr auf’s Neue hinein. Sommerlöcher sind offen für alles! Dänemark ist nach wie vor ein sehr sehenswertes, gastfreundliches und freundliches Land und eines meiner Lieblingsländer. Also, Leute! Ab ins „Smörebrödland!!!“

Wohlauf in Gottes schöne Welt...
Wohlauf in Gottes schöne Welt...

In der Stadt Schwedt, die sich weit hinzieht, versuchen wir, irgendwo einen passenden Parkplatz zu finden, der auch wieder eine Ausfahrt verspricht. Ich muss einen Arzt aufsuchen, da mir einige Tabletten schon in Polen ausgegangen sind. Ursprünglich wollten wir heute schon in Frankreich sein, aber…durch unsere vielen kleinen und großen Pannen. Wir finden keinen Parkplatz und hangeln uns an der breiten, ampelgestützten Ausfallstraße entlang, bis, bis wir wieder aus der Stadt sind. Pech! Es gibt ja noch weitere Orte vor uns. Vor Heinrichsdorf ist erst mal Schluss mit lustig. Ein weiteres befahren der Schnellstraße ist für Traktoren verboten. Kennen wir. Barbara lässt sich den Nebenweg von einem Einheimischen auf unserer Karte einzeichnen. Alle sprechen hier schon den Berliner Dialekt, den ich zu gerne höre. Hinter der Grenze beginnt die Uckermark.

Mein Gott, ist dieses Stück Land schön! Und schier unendlich! Welliges Agrarland, wogende Felder, satte, freilaufende Rinder, rotweiße Windkraftwerke, die sich sehr gut allenthalben in die Landschaft einfügen und überall blüht der rote Mohn, die blaue Kornblume, die gelbe Kamille, der weiße Klee. Feldlerchen stehen hoch in der blauen, würzigen Luft und trällern uns ihr Lied. Tschiep, tschiep! Wir fahren auf kleinsten Sträßchen und meinen, wir wären auf neuen Bundesstraßen unterwegs. Alles ist neu geteert, kaum Verkehr, völlig entspanntes Fahren. Birnenalleen säumen stundenlang die Wege. Die Früchte brauchen noch lange bis zur Ernte, aber sie sehen gesund und prall aus. Birnenland Havelland.

Mir fällt spontan das Gedicht „Herr von Ribeck auf Ribeck im Havelland“ ein und wir beide versuchen uns an die Texte zu erinnern, die wir in den 60ern in der Schule mal auswendig lernen mussten. „Ein Birnbaum in seinem Garten stand!“ Wir bekommen aber nicht mehr alles zusammen und schweigen besser. Diese Ruhe, diese grandiose Natur, dieses schöne, beschauliche Land Brandenburg. Wandern möchte man hier. Und bleiben. Wir fahren durch Herzberg, Radesleben, Wustrau, Altfriessack, Langen, Walchow, Frauenhagen, Manker, Garz, Basikow, Bückwitz, Rohrlack und Angermünde. Wir schweigen und genießen.

Im märkischen Städtchen Joachimsthal, am Rande der Schorfheide, das genau zwischen dem Grimnitz-See und dem Werbellinsee liegt legen wir eine Mittagspause ein und gehen ein schönes, hausgemachtes Süppchen in einem Restaurant verspeisen. Ich fühle mich schlapp, was mich wundert, da ich erst seit fünf Stunden fahre und steige schwerfälliger als üblich wieder auf meinen Fahrersitz. Verflixt noch mal!!! Nach acht Kilometern erreichen wir den ausgesuchten Campingplatz ( www.campingplatz-werbellinsee.de ). Wie gehabt, stehen sogleich ein paar interessierte Camper um uns herum und wir erzählen.

Heute Nachmittag will uns mein Schwager Wolfgang aus Habichtswald/Nordhessen besuchen. Er bringt seinen Sohn Carsten -unseren Neffen- und dessen Freundin Barbara, die in Berlin wohnen, von dort mit. Die Freude ist groß, als sie endlich eintreffen. Über drei Monate sahen wir uns nicht. Auf dem sauberen Platzgelände gibt es ein schmuckes, kleines Restaurant, wo wir schon wieder brandenburgisch-kulinarisch-kaiserlich verwöhnt werden.

Wolfgang, Carsten und Barbara besuchen uns für einen Abend
Wolfgang, Carsten und Barbara besuchen uns für einen Abend
Unser Nichterich Kcarsten aus Berlin müht sich mit unserem Laptop ab
Unser "Nichterich" Carsten aus Berlin müht sich mit unserem Laptop ab

Wolfgang lädt unsere Winterkleidung und den Petroleumofen, sowie die Winterbettwäsche in seinen Kofferraum. Auch die bisher gesammelten Prospekte der letzten acht Länder. Die brauche ich noch später, um für mein Buch besser und präziser recherchieren zu können. Aber der Grund soll bleiben. Da wird nichts geändert, sonst geht die Authenzität verloren. Jetzt ist Sommerkleidung angesagt. Handschuhe, Schals und lange Unterhosen schlummern schon seit Mittelfinnland in einem Korb.

Carsten müht sich mit unserem Laptop verzweifelt ab. Er will mir noch einiges erklären, was ich für unseren Blog wissen muss, aber das Netz ist so langsam, dass es vom Anklicken mit der Maus bis zum Reagieren immer über drei Minuten braucht. Ich kenne es aber kaum anders und unser geliebter und sehr geschätzter „Nichterich“ scheint verblüfft, weil ich in den letzten Wochen so eine Ausdauer beim Hochladen hatte. Daher kamen auch manchmal die Nachtstunden.

Spät am Abend fahren die Drei nach Berlin zurück. Ein schöner Abend geht zu Ende. Wir hatten uns soviel zu erzählen, dass die Zeit nicht ausreichte, alles Erlebte wiederzugeben. Ich lege mich sofort ins Bett. Mein Kopf dröhnt, die Gliedmaßen reißen, ich bekomme Schüttelfrost und fühle mich elend und schlapp. Fieber?

Morgen soll es nach Wusterhausen gehen auf einen Campingplatz, der auch an einem großen See liegt. Es sind zwar nur 80 km, doch ich habe leichte Bedenken wegen meines Zustandes. Barbara bekommt alles mit. Leider! Man kann sich auf 10 Quadratmetern nicht gut verstecken. Sie ist da sehr feinfühlig und hebt die Brauen, wenn ich sie auf die Weiterfahrt Morgen anspreche. Ich habe eine böse Ahnung…

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