Deutschland – 18. September

Ich ver-lebe den zweiten Sonntag im Krankenhaus. Es passiert heute nichts Aufregendes. Einer von meinen beiden Zimmergenossen darf heute wegen guter Führung nach Hause gehen. Er hat sich sein Entlassungszeugnis unter den Arm geklemmt und freut sich tierisch über die guten Noten. Nächste Woche darf er sich weiterbilden. Er geht für vier Wochen zur Kur. Er hat es geschafft und ich behalte eine gute Erinnerung an ihn. Recht früh schon nach meinem Mittagessen erscheint meine fröhlich gestimmte Sozia und bringt mächtig Hunger mit. Wir schlurfen in ein nahe gelegenes Bistro und sie bestellt sich etwas Warmes.

Schöne Ecken gibt's in Freiburg
Schöne Ecken gibt's in Freiburg

Ich dagegen labe mich an einem Eisbecher mit viel Sahne. Es ist kühl geworden und die Blätter der Bäume ringsumher haben immer mehr Mühe, sich an den Zweigen zu halten. Die Station, auf der ich mich seit zwölf Tagen befinde fasst 22 Patienten. Jedoch nur acht Betten sind zur Zeit belegt. Was ist nur los mit den vielen Blasen- und Nierenkranken, den Prostatikern und phimotisch Blockierten? Will denn heutzutage niemand mehr ins Krankenhaus? Die Schwestern und Pfleger lassen uns aufgrund der mangelnden „Auftragslage“ eine besonders gute Behandlung zukommen. Jeder Wunsch wird uns von den Lippen abgelesen. Jeder Wunsch? Mein Wunsch, sobald wie möglich entlassen zu werden, wird leider nicht erkannt. Oder wohlweislich ignoriert? Die Stunden vergehen einfach nicht, wenn man auf etwas wartet. Ich warte auf den Montag, wo nun endlich nach zwei „Fehlversuchen“, d.h. technische Probleme mit der Nierensteinzertrümmerungsanlage, mein Stein zu Staub zerfallen soll. So bleibe ich auch Morgen zum vierten Mal nüchtern und warte auf meine kleine OP, die gegen 11 Uhr vorgenommen werden soll. Vor Jahren musste ich mich auch einmal vorbereiten auf eine Darmspiegelung, eine sogenannte Koloskopie. Dem voran geht immer ein reichliches Abführen und ich schrieb damals sehr authentisch folgenes Gedichtchen, was ich meinen Lesern hier nicht vorenthalten möchte. Also:

KOLOSKOPIE-SONETT

Dereinst musst’ ich zur Koloskopie
Schon Vortags schlotterten mir die Knie
Ich trank was man mir aufgetragen
Und stellte keine großen Fragen.
Drei Liter Brühe sollt’ ich trinken
Den Darm mit Flüssigkeit verlinken

Ab Mittag durft’ ich nichts mehr essen
Und sollt’ auch nicht verzweifelt pressen.
Der Unrat würde sich schon lösen
Und mich erleichtern von dem Bösen

Ich ging spazieren mit dem Hund
War frohgelaunt und kerngesund.
Doch plötzlich hatte ich nun Not
Tief drinnen schien nichts mehr im Lot
Erreichte noch mit langen Schritten
Den Waldrand und die Därme litten.
Der Hund der ist gleich weggerannt
Und ich, ich schaute angstgebannt
In ein Gebüsch ob’s mich wohl schützt
Ich kam nicht weit, hat nichts genützt.

Der Drang war groß der Gürtel eng
Es knallte laut es machte päng
Hab’ eine Hecke umgerissen
Und nicht nur in den Wald gesch …

Der Hund der rümpfte seine Nase
Ob dieser ungewohnten Gase
Und schiss genau daneben
Da wollt’ ich nicht mehr leben.

Ganz krank und bleich kam ich nach Haus’
Die Hosen voll die Stirne kraus
Was hatt’ ich mich im Wald blamiert
Und mich dazu noch angeschmiert.

Der Darm war leer und ich hatt’ Sorgen
Wie wird das erst am nächsten Morgen
Wenn das die ganze Nacht so geht
Ich war ganz hohl und sehr verdreht.

Doch nach ‚ner halben Nacht am Klo
Erwachte ich war wieder froh
Und gut gelaunt wenn gleich auch matt
Weil ich vom Trinken übersatt.
Erreichte ich das Krankenhaus
Die Eingeweide hingen raus
Und meine Ohren standen ab
Mein Bauch war flach und hing herab.

Was war ich krank Herr Doktor gestern
Und lachend hoben mich die Schwestern
Auf einen Tisch sehr elegant
Vor Scham wär’ ich fast fortgerannt.
Und als ich wieder klar bei Sinnen
Erfuhr dass alles klar von innen
Da klopfte ich mir auf den Bauch
Und aß, denn Hunger hatt’ ich auch.

So ist’s bei einer Koloskopie
Und Angst die haben doch nur die
Die sich vor diesem Eingriff drücken
Und sich nicht in ihr Schicksal schicken.

D. Chr. O.

Diesmal aber brauche ich „nur“ zu hungern. Ist doch auch schon was, oder? Irgendwie blicke ich mit sehr gemischten Gefühlen in den morgigen Tag und hoffe, dass die Technik endlich wieder funktioniert. Die Ärzte natürlich mit eingeschlossen. Warten wir’s ab. Denn…Morgenstund hat schlechten Geschmack im Mund.

 

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