Straßen zum Träumen

Finnland – 20.05.11

20. Mai

Man vergisst einfach, dass die Finnen anders ticken. Das merken wir, als wir gegen sieben Uhr aufwachen und nebenan in der Boschwerkstatt schon fleißig gearbeitet wird. Es ist bereits acht Uhr. In Finnland stellt man ja die Uhr bekannterweise eine weitere Stunde vor. Also, Armbanduhren vorstellen. Nur die Wanduhrzeit außen am Heck des Wagens lassen wir so stehen, wie sie steht. Das beruhigt uns. Die anderen Verkehrsteilnehmer auch? Ob in Estland, dem nächsten Land, das wir bereisen wollen, die Uhren etwa noch eine weitere Stunde vorgehen? Dann wäre ja fast schon nach dem Aufwachen Mittagszeit. Wir lassen uns überraschen.

Straßen zum Träumen
Straßen zum Träumen
Das Ehepaar Horn bei uns zu Besuch
Das Ehepaar Horn bei uns zu Besuch

Die Nacht in dem kleinen Kiefernwäldchen war kalt, aber wir sind ausgeschlafen , legen dem freundlichen Besitzer des Grundstückes eine Handvoll Prospekte von unserer Heimat vor die Tür und schreiben einen Zettel: Danke! Wir verlassen den Ort „Karigasniemi“ in südöstlicher Richtung auf der Landstraße Nummer 4. Wir befinden uns fast auf demselben Breitengrad der russischen Stadt „Murmansk.“ Wenn wir gewusst hätten, wohin die Reise geht, wären wir besser im Rückwärtsgang weitergefahren. Kurz hinter dem Ort steigt die Straße steil an. Sehr steil! Unverschämt steil! Schon nach wenigen Metern geht unserem tschechischen „Vagabunden“ die Puste aus und ich quäle den Motor für eine lange halbe Stunde im vierten Gang. Es ändert sich auch in den kommenden zwei Stunden nichts. 11 % Steigungen und ein dementsprechendes Gefälle mit starker Kurvenneigung, mal nach innen, mal nach außen. Barbara träumt vor sich hin. Oder schließt sie nur verängstigt die Augen? Für die Schönheit der Umgebung haben wir kaum einen Blick. Leider! Unsere Flüche werden lauter und treffen immer gezielter die Planer der Wahnsinns-Gebirgsstraße. Auf mehreren Hochplateaus stehen einige Rentierherden neben und mitten auf der Straße und glotzen uns gelangweilt nach. Die Tundra hat uns wieder. Schnee fällt auch genügend vom Himmel. Der russischen Heckwischer des Traktors ist nur von Hand zu bedienen. Praktisch, aber mit der Zeit schmerzt die rechte Schulter vom nach hinten über Kopf greifen. Alles sieht so unwirklich um uns aus. Bäume gibt es nicht mehr, nur Moose und Bodendecker, die halb im Moor stehen. Auf 75 Kilometern kein Haus, kein Briefkasten an der Straße, nur Einöde. So stelle ich mir das Ende der Welt vor oder auch den Anfang. „Rentierzuchtgebiet“ weist ein Schild am Straßenrand in deutscher und englischer Sprache aus. Das braucht man uns aber nicht mitzuteilen. Das sieht man an der hohen Population der Tiere hier. Beim Bergabfahren muss ich immer genügend Bremsweg einplanen, wenn mal eine Herde plötzlich von einer Mulde her die Fahrbahn überquert. Auch das noch! Ich bin schon genervt genug. Wir sind beide ziemlich geschafft von dem kalten Ritt über die Berge. Wir befinden uns jetzt auf der Höhe der russischen Stadt „Murmansk.“ Die nördlichste Wildnis Europas zeigt sich wirklich wild. Nach 160 schlimmen Kilometern und neun Stunden Stressfahrt sind wir endlich am „Inari-See“ und in der gleichnamigen Stadt. Der See ist genau doppelt so groß wie unser Bodensee und nur der drittgrößte Finnlands. Hier wurde in grauer Vorzeit auf der Insel „Ukonselkä“ dem Gewittergott „Ukko“ geopfert.

Barbara „opfert“ sich und regelt die Anmeldung. Die Sonne blinzelt nun auch etwas aus dem grauen Wolkendach hervor. Der saubere Campingplatz ist fast leer. Der Besitzer hat sein zweisitziges Wasserflugzeug am See geparkt. Im Winter startet und landet er auf der Eisfläche. Wir stehen trocken auf einer markierten Teerfläche, zahlen nur 20 Euro für alles. Auch ein Passwort bekomme ich auf Nachfrage zum Einloggen ins Internet kostenfrei mitgeteilt. Später sitze ich noch bis kurz vor zwei Uhr nachts am Rechner und speichere die Erlebnisse der letzten fünf Tage ein.

Direkt vor der Haustüre eine Herde Rentiere gegen 22 Uhr
Direkt vor der Haustüre eine Herde Rentiere gegen 22 Uhr
Die Herde vor unserer Haustüre fühlt sich offenbar ganz wohl in unserer Nähe
Die Herde vor unserer Haustüre fühlt sich offenbar ganz wohl in unserer Nähe

Zehn Minuten vor uns ist ein Paar mit einem Wohnmobil und dem „HR“-Kennzeichen angekommen. Das kennen wir doch? Homberg bei Kassel. Wir machen uns sogleich bekannt und zwei Stunden später sitzt das aufgeschlossene und sehr nette Ehepaar Georg und Birgit Horn aus Niedenstein – Kirchberg bei uns im Wagen auf der Eckbank. Als „Gastgeschenk“ haben sie uns eine Dose nordhessische Leberwurst von einem Metzger „Heerich“ aus Hessisch-Lichtenau/ Reichenbach mitgebracht. Hmmmh! Das wird der Brotbelag für die kommenden Wegzehrungen sein. Auch einen Gästebucheintrag bekommen wir von beiden. Es wird ein unterhaltsamer Abend und wir freuen uns, wieder mal mit Leuten reden zu können, die unsere Muttersprache sprechen. Und dann kennen sie auch noch unsere Heimat. Toll!

Während wir angeregt plauschen, kommt eine ganze Herde Rentiere, Bullen und Kühe direkt bis etwa 10 Meter vor den Bauwagen getrabt und äsen das kurze, graubraune Gras vom letzten Jahr auf den Stellflächen ab. „Es steht ein Pferd auf dem Flur!“ So nahe! Ein tolles Bild! Und wir schießen mit großen Augen aus der leise geöffneten Bauwagentür Foto für Foto. Wunderschöne, stattliche und kaum scheue Tiere sind unter der Herde. Der Größte, ein weißes Männchen mit einem weißen Gehörn, oder Geweih, ( so genau kenne ich mich leider nicht aus bei den Gefiederten) nimmt ständig Witterung auf und schaut sich mit geöffneten Löffeln um. Er ist sicher der oberste Rentierhengst. (Oder sollte ich besser schreiben „Bock?“) Als die Wagentür durch den Wind etwas knarrt, stürmt die ganze Herde wie wild davon, überquert die Europastraße 75 und verschwindet in einem Kiefernwäldchen jenseits des Asphalts.

Unser Nachbar aus Italien trägt sich in unser Gästebuch ein
Unser Nachbar aus Italien trägt sich in unser Gästebuch ein

 

Nebenan hat ein italienisches Paar aus Turin sein Fiat-Wohnmobil geparkt. Der Mann kann nicht umhin, das seltsame Gespann neben ihm mit der Videokamera ausgiebig zu filmen. Dann bittet er uns, ob er auch die „Gemächer“ filmen dürfte. Das darf er gerne und er tastet sich vom Balkon (finnisch:“Mökki“) ins Wohnzimmer, filmt dann die Küche, das Schlafzimmer und das Bad. Den Kellerraum hat er aber vergessen, da er nicht weiß, dass sich unter unserem Himmelbett ein großer Eiskeller befindet. Dafür verdonnere ich ihn, etwas in unser Gästebuch zu schreiben. Das setzt er auch gerne um, nimmt das Gästebuch mit nach nebenan und kommt wenig später mit einem weiteren Eintrag, dem seiner Ehefrau zurück.

Spät in der Nacht, so gegen ein Uhr, Barbara schläft schon längst den Schlaf der Globetrotterin, komme ich noch einmal in den Genuss einige gute Fotos von der Herde zu machen. Und das ohne Blitzlichtverstärkung, da es ja taghell ist.

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