Hier in einem Dorfzentrum will das eine Navi nach links und das andere...

Frankreich – 02.08.11

2. August

Bei langen Talfahrten kommt immer Freude auf
Bei langen Talfahrten kommt immer Freude auf

Heute will ich wissen, wie weit wir von der Heimat entfernt sind. Man hat überhaupt nach so einer langen Reise von fast vier Monaten fast kein Zeit- und Entfernungsgefühl mehr. Das Navi berechnet über zehn Minuten. Dann das Ergebnis: Nur 703 Kilometer! Da stehen wir ja fast schon vor unserer Haustüre, so nahe sind wir am Reinhardswald. Nur versperren uns leider ein paar Hügel die Sicht nach dem Norden. Unser Ziel heute heißt „Vincerres“ und liegt im nördlichsten Landesteil der „Bourgogne.“ Ich habe das kleine Navi schon am Abend zuvor auf den Zielort eingestellt, aber dummerweise auf die Landkarte, ohne die es meist nicht geht, mit dem Kugelschreiber auch einen Strich nach Süden gezogen in Richtung unseres Fernziels „Lezignan“, der Stadt ganz im Süden, mit der meine Heimatstadt Lauterbach im Vogelsberg verschwistert ist. Ohne dass es mir bewusst wird, programmiert Barbara unterwegs die Stecke nach meinen Strichen. Und siehe da, irgendwann werden es immer mehr an Kilometern bis zum Campingplatz. Hatten wir vor einer guten Stunde nur noch 43 km zu fahren, sind es jetzt auf einmal 41 km. Und dann zeigt uns auch noch die Tankuhr, dass es Zeit wird, eine Tankstation anzufahren. Doch es gibt keine Tanke weit und breit. Für 30 km reicht es noch. In einem Dorf, wo uns das kleine Navi nach links leiten will und das große Navi nach rechts bleiben wir vor einer Kreuzung stehen.

Hier in einem Dorfzentrum will das eine Navi nach links und das andere...
Hier in einem Dorfzentrum will das eine Navi nach links und das andere...

Barbara befragt zwei Frauen. Sie deuten beide nach rechts und zeigen mit den Händen 10 km an. Da liegt die Stadt „St-Florentin,“ im Nordosten. Da wollten wir eigentlich nicht hin, doch unsere Not weist uns den Weg. Er kommt uns endlos lang vor und ich zuckele mit 15 km/h daher, um Kraftstoff zu sparen. Die Hitze heute ist erbärmlich. Außen 27 Grad und innen 42. Auch die Alu-Abdeckfolie für Windschutzscheiben, die sich Barbara als Schutz vor den Sonnenstrahlen um die Beine geschlungen hat, hilft da nicht viel. Unsere Getränke sind aufgebraucht und unsere Stimmung am Boden. Und dann noch dieser vermaledeite Berg in der Stadt, um zur nächsten Tankstelle nach oben zu kommen. Endlich da, steht dort ein Tanklaster und befüllt gerade die Erdtanks. Eine ganze halbe Stunde stehen wir neben dem Trecker in der heißen Vierzehnuhrsonne, bis wir endlich drankommen. Es tröstet wenig, dass der Sprit hier nur 1,38 Euro kostet. Dann aber kehrt marsch die 10 km zurück und beide Navis neu einprogrammiert. Die Landschaft ist einmalig schön. Wir streifen ganz knapp den Landesteil „Ile-de-France“, der westlich von uns liegt. Traumhaft, diese Ausblicke hoch oben über die Weinberge. Ich frage mich, wie sich überhaupt ein menschliches Wesen auf solchen Steilhängen halten kann. Nicht mal eine Gemse würde da hinaufklettern können. Die Weintrauben, besonders die Blauen haben schon kräftig Farbe angenommen und brillieren mit mattem Glanz. In Gedanken lasse ich eine Weinbeere nach der anderen im Mund aufplatzen. Aber es ist noch viel zu früh im Jahr für einen Mundraub in Frankreich. Abwarten. Wir sind ja noch ein paar Wochen im sonnigen Frankreich. Bis Ein Uhr hätten wir locker die 75 km schaffen können, aber durch unsere Umwege…

Auch bergauf hat der kleine Zetor seine Mühe
Auch bergauf hat der kleine Zetor seine Mühe

Einige Flüsse überqueren wir auch heute wie z.B. den Fluss „L’Armancon“ und die „Yonne.“ Um Sechzehn Uhr, wir sind inzwischen über „Ervy de Chatel“, „Irancy“, und „Cravant“ über hervorragend ausgebaute, kleine Nebenstraßen gefahren, kommen wir am Ortseingang von „Vincelles“ an, wo die breite „Yonne“ direkt durch den Ort fließt. Auf der linken Straßenseite steht ein Mann mittleren Alters und hält eine Kamera hoch. Er hat uns sicher schon lange beobachtet, wie wir mit gebremster Kraft die Weinberge hinuntergetuckert sind und macht ein Foto nach dem anderen. Den könnten wir doch gleich mal nach dem Weg zum Platz fragen. Gesagt, getan. Wir halten und was macht der gute Mann, noch ehe wir eine Silbe zusammen gesprochen haben? Er reicht uns freudestrahlend eine Flasche Rotwein ohne Etikett von seinem Weingut in die geöffnete Treckertür. Wir sind so verblufft, dass wir statt ein „Merci“ nur ein „Danke“ stammeln. Das ist ja ein toller Empfang! Dann weist uns der Winzer den Weg. Über zwei Brücken müssten wir fahren. Irgendwann dann das fröhliche Klingeln einer Fahrradglocke neben uns. Er ist es wieder und schwenkt seine Kappe. Der Winzer fährt uns mit seinem Drahtesel bis zum Campingplatzeingang die 900 Meter im Zickzackkurs durch die engen Sträßchen voran. Da hat er aber seinem Ort sehr viel Gutes mit seinem persönlichen Engagement getan. Ob bei uns Zuhause auch jemand so entgegenkommend bei Fremden ist? Ich denke ja. So, nun stehen wir nach geschlagenen sieben Stunden völlig entkräftet, durstig und hungrig und total verschwitzt drei Meter vor der geschlossenen Schranke. Ich gehe diesmal zur Rezeption mit. Die Dame bedauert. Alles belegt.

Nicht mal eine Ecke vor dem Platz ist für einmalige Übernachtungsgäste frei. Unsere Enttäuschung steht uns ins Gesicht geschrieben. Wir lassen uns einen kleinen regionalen Campingführer aushändigen und fragen nach dem nächstgelegenen Platz. Zwei zeichnet sie uns an. Der eine liegt bei „Vermenton“, 11 km entfernt, der andere bei „Auxerre“ 16 km weiter. Wir entscheiden uns für den Platz, den wir in einer halben Stunde erreichen können. Wir bekommen die Schranke geöffnet, damit wir weiter hinten auf dem Platz eine Möglichkeit finden, drehen zu können. Doch so weit müssen wir gar nicht mal fahren. Schon 6 km weiter in einem Dorf, „Accolay,“ ein Hinweis zu einem Campingplatz. Wir biegen von der Hauptstraße ab und stehen am Rande des hübschen Bergdorfes vor einem kleinen, nur mit wenigen Campern belegten Platz. Die Anmeldedame ist ausgesprochen nett und wir verpflichten uns gerne, für zwei Nächte hier zu verweilen. Zu sehr hat uns diese achtstündige Tagesreise bei fast 30 Grad angestrengt, als dass wir Morgen schon wieder Lust auf eine Weiterfahrt hätten. Meine angeschlagene Gesundheit lässt mich an solchen langen Fahrtagen deutlich spüren, dass ich noch lange nicht meinen alten Zustand erreicht habe. Die sanitäre Anlage auf dem überschaubaren Platz ist zwar veraltet, aber sauber und funktionell. Auch eine Stehtoilette finde ich vor. Das macht es noch viel reizvoller, das gewisse Örtchen aufzusuchen. 30 Meter weiter von unserem Stellplatz fließt die „La Cure“, gemächlich dahin. Auch kleinere Passagierdampfer ziehen ab und zu vorbei. Einen kleinen Tante Emma-Laden soll es im Dorf auch geben und er habe täglich bis Mittag geöffnet. Guten, trockenen Weißwein hält die Rezeption vorrätig, hören wir von unseren holländischen Nachbarn, die sich gerade von dort eine gekühlte Flasche für sechs Euro besorgt haben. Wir bauen in Ruhe und ziemlich am Ende mit unseren Kräften den Bauwagen auf und genehmigen uns erst mal eine Dusche, bevor wir zu Abend essen. Die Übernachtung kostet mit Allem nur 11 Euro und wir sind fürs Erste zufrieden.

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