Unser Stellplatz in "Coix"

Frankreich – 25.08.11

Schlecht habe ich geschlafen. Ausgesprochen schlecht. Das waren wohl die besorgten Gedanken am Abend, die ständig darum kreisten, wie wir am besten am Abfahrtstag den Hänger wieder zur Ausfahrt hin wenden könnten. Und nun ist es soweit. Rückwärts habe ich ihn ja gestern so einigermaßen in die Parzelle schieben können, doch den gleichen Weg retour können wir leider nicht nehmen. Der Radius stimmt nicht. Der Stromkasten steht im Weg. Wir sind viel zu lang.

Blick vom Berggipfel
Blick vom Berggipfel
Sollen wir uns freuen oder ärgern, dass wir von Radfahrern überholt werden?
Sollen wir uns freuen oder ärgern, dass wir von Radfahrern überholt werden?

So gehe ich mehrfach die Kurve ab, die ich nun bergan über das schräge, sehr wellige Gelände fahren und wenden möchte. Ich habe arge Bedenken, dass das so hinhaut, wie ich es mir vorstelle. Der winzigkleine Wendehammer 30 Meter höher ist wohl doch zu schmal. Ich wage es trotzdem. Barbara schreit schon laut nach 5 Sekunden. Ich stehe besorgniserregend in einer solchen Schräglage auf dem Rasenstück, dass der Hänger jeden Moment zur Seite kippen könnte und der Traktor damit. In einem sehr bedenklichen Winkel bekommt die Zuggabel plötzlich Kontakt mit einer der eingefahrenen Tellerstützen und es knirscht und quietscht erbärmlich. Schnell wieder ein paar Meter zurück rollen lassen auf das kurze Teerstück. So geht es also nicht. Ich bin unschlüssig, was ich nun unternehmen werde. Da kommt auch schon der gute Marc Vincke, der Platzinhaber und versucht, mich über 10 Minuten lang einzuweisen. Doch auch der 25. Versuch, den Bauwagen rückwärts in die Spur zu bekommen gelingt einfach nicht. Verdammte Pendelachse! Ratlosigkeit herrscht und der Schweiß läuft in Bächen an mir herunter. Ich versuche cool zu bleiben. Äußerlich. Irgendwann nach fast 20 Minuten vergeblicher Kurbelei legen wir die Keile und Steine unter die Räder des Wagens und koppeln ab. Dann hänge ich den Dreitonner an die vordere Zuggabel des Zetors. Die nächsten Manöver gelingen mehr schlecht als recht, aber ich kann den Bauwagen so weit zurückrollen lassen, dass, wenn ich den Trecker wieder davor spanne, den Weg zum Ausgang fahren kann. Auch ein großer Ast muss daran glauben und unsere SAT-Schüssel hat sich schon mehrmals verdreht und verbogen, als ich zu dicht an die unteren Zweige der Akazien kam. Endlich stehen wir richtig und können abdüsen. Wir bedanken uns sehr herzlich für die Einweisungshilfe von Monsieur Vincke, der bei der Aktion viel gelassener als ich geblieben ist und fahren davon.

Hinter der Stadt „Saint Ambroix“ , die als Partnerstadt das hessische „Asslar“ hat, kommen wir in ein neues Bundesland. „Rhone Alpes“ wird es genannt. Das klingt vielversprechend, besonders für Barbara, weil eben das Wort “Alpes“ darin enthalten ist. Da wird es sicher nicht flach sein, meint sie und ich nicke auch noch zustimmend, was sie mir aber sehr verübelt. Noch geht es zügig voran über „Ruon“ und „Aubenas.“ Die Straße ist breit, der Verkehr stark und die Stimmung gut. „Privas“ wollen wir heute erreichen, etwa 90 km von unserem letzten Übernachtungsort entfernt. Die Sonne knallt auch heute nicht so stark auf die Scheiben, der Himmel ist trübe und die Fernsicht schlecht. So ist es gut. In einem großen Dorf holen wir in einem Automaten das nötige Kleingeld, tanken auf, besorgen uns einen runden Laib Brot (ja, so etwas gibt es in Frankreich auch) und erstehen noch zwei schöne, bunte Aufkleber von „Pont Dark“ und dem Departement, in dem wir uns befinden, „De L’Ardeche.“ Auch der breite, fast wasserlose Fluss trägt diesen Namen. „Terre d’ Audace“ sehen wir überall auf den Schildern, das eine besondere Gegend hier bezeichnet.

Runter müssen wir, so oder so...
Runter müssen wir, so oder so...
Nun kommt's ganz dicke !
Nun kommt's ganz dicke !

Noch geht es mit den Bergen, aber sie rücken immer näher und Barbara wird immer schweigsamer. Dann kommt’s! Hinter „Freissenet“ geht’s nur noch steil bergauf. Oben angekommen, verschnauft unserer tapferer Zetor und wir auch. 795 Meter hoch sind wir gestiegen. Nun gut, es gab schon viel höhere Berge, die wir bezwungen haben, doch es reicht für heute. (Dachten wir). 12 km vor der Stadt „Privas“ stellen sich uns nochmals steile Berghänge in den Weg. Es ist schier unglaublich, wie hier die Straßenführung gebaut ist. Ich spreche im Geiste drei Vaterunser, als mir bewusst wird, dass uns unser tägliches „Highlight“ noch bevorsteht. Und es wird mit der Zeit eine ganze Litanei, die mir so in den Sinn kommt. Es ist ein richtiger Kampf mit der Kraft des 45 PS-starken Motors und dem Berg, der einfach nicht aufhören will, zu wachsen. Über eine dreiviertel Stunde lang quälen wir uns im vierten Gang, der die Steigungen von manchmal 12% kaum noch schafft, bergan. Auf der Bergkuppe, diesmal über 1400 Meter hoch, wie wir lesen können, entfaltet sich tief unter uns eine Landschaft, wie sie schöner und grandioser nicht sein kann.

Das Gefühl will ich einmal beschreiben. Ich komme mir vor, ich säße in einem Flugzeug in etwa 3000 Metern Höhe und sehe tief unter mir graue, schmale Bänder, die sich um Steilhänge winden, manchmal von Buschwerk und Felsvorsprüngen verdeckt sind und dann wieder viel weiter unten an einer Ecke wieder aus dem Nichts auftauchen. Und da sollen wir wieder heil runter kommen? Ich fasse es nicht! Das ist der Gipfel! Oder vielmehr das Ende einer Spazierfahrt.

Ich zögere lange, bevor ich vorsichtig den Vierten reinschiebe, auf Barbara blicke, die mich anschreit:“ Sag bloß jetzt nichts! Ich will nichts hören und sehen! Beschreibe mir auch nicht die Landschaft! Und bloß nichts sagen, wenn es rechts senkrecht runtergeht! Mir reicht’s endgültig mit den Sch…Bergen!“ So ihre erbauliche Rede. Und ich hocke mit schweißnassen Händen und klammen Fingern über das Lenkrad gebeugt und konzentriere mich auf die Straße. So einen Pass bin ich noch nie in meinem Leben gefahren. Mit einem Auto würde ich mich schon eher trauen, aber mit den drei Tonnen Gewicht im Rücken und den rauchenden Bremsen…Es gibt keine Wahl. Es geht abwärts. Noch nicht einmal habe ich bei Bergabfahrten den dritten Gang einlegen müssen. Doch jetzt tue ich es. Der Vierte bremst viel zu wenig ab und das will schon was heißen. Ein LKW kommt uns entgegen und der Fahrer muss wegen der Enge der Straße seine Außenspiegel einklappen, damit wir unbeschadet aneinander vorbei kommen.

Auf halber Höhe
Auf halber Höhe
Das malerische Anmeldegebäude
Das malerische Anmeldegebäude

Auch wenn uns ein PKW entgegen schleicht, bleibt meist der Bergabfahrende stehen(das sind wir), um den Berauffahrenden vorbei zu lassen. Die Passstraße hat meist nur eine Breite von 7 Metern. Die Spitzkehren sind erbärmlich. Zu eng für unsere 12 Meter Länge. ! Mit dem Traktor stehe ich oft schon ein paar Meter weiter unten und sehe im Rückspiegel, wie der Bauwagen auf anderer Höhe langsam nachrückt. Das geht auch so eine gute dreiviertel Stunde. Der Schnellgang hat sich vor fast zwei Stunden Schlafen gelegt. Irgendwann an der Grenze unserer Belastbarkeit kommen wir dann im Tal in der mittelgroßen Stadt „Privas“ an. Es geht auch innerstädtisch nur bergab und mein rechter Fuß erbringt Höchstleistungen im Treten. 90 Kilometer liegen hinter uns und wir sehnen uns nach einem Campingplatz. Ganze 21 Plätze sind uns auf der Strecke begegnet. Vom einfachen Platz bis hin zu vier Sternen. Aber seitdem wir von den Bergen kommen, tut sich einfach nichts mehr. Die Autofahrer hupen in der Stadt wie wild hinter uns und scheinen gar nicht mehr so fröhlich zu sein wie auf dem „platten“ Land. Ich schaue einfach weg, um die genervten Visagen der hinter uns Herhetzenden nicht mehr sehen zu müssen. In der Ferne erheben sich neue Berge. Bestimmt 9000 Meter hoch oder höher, wie Barbara meint. Doch knapp 2 km hinter „Privas“ am Ausgang des Ortes „Coux“ liegt ein Campingplatz 50 Meter rechts neben der Hauptstraße.

Ganz versteckt in einer Senke an einem fast wasserlosen Flüsschen mit einem netten, kleinen Swimmingpool und fast menschenleer mit breiten, ebenen Grasflächen ist dieser Platz genau das Richtige für uns. Die französischen und die holländischen Schulferien gehen Morgen zu Ende und das merken wir. Nach einer ganzen Weile können wir uns bei dem Platzinhaber bemerkbar machen. Er und seine Frau, sowie die anderen, wenigen Campinggäste sind total begeistert von unserem Gespann. Der Campingplatz ist von senkrecht fallenden Felswänden, die etwa 80 Meter hoch sind eingeschlossen. Nur wenige Platanen, deren Äste ich diesmal verschonen kann, versperren die Einfahrt zu einer freien Wiese. Wir können gleich drehen und stehen Morgen schon wieder in Fahrtrichtung zur Hauptstraße.

Das Platzehepaar ist sehr nett und aufgeschlossen und die Frau spricht sogar etwas Englisch. Die Sanitäranlage ist sauber und liegt nur 30 Meter von unserem Stellplatz entfernt, was ich als ein großes Glück empfinde. Wir haben seit 7 Uhr nichts mehr gegessen. Doch nur eine Honigmelone soll heute das Mittagessen und das Kaffeetrinken sein. Der kleine Fluss, den ich nach dem Freibad aufsuche führt so wenig Wasser, dass gerade an der tiefsten Stelle die Knöchel mit brühwarmem Fließwasser benetzt werden.

Undefinierbare "Anhänge" haben die Bäume hier (Baumbohnen?)
Undefinierbare "Anhänge" haben die Bäume hier (Baumbohnen?)
Unser Stellplatz in "Coix"
Unser Stellplatz in "Coix"

Doch dann der große Schrecken: Eine Radmutter des linken hinteren Rades am Bauwagen hat sich abgeschert und der Stehbolzen ist bis auf 3 Millimeter abgerissen. Auweh! Schon wieder eine Panne. Ich bitte den „Chef,“ eine Werkstatt zu benachrichtigen, die uns helfen kann. Er telefoniert herum und bedauert. „Non, Monsieur!“ „Ich muss weiter suchen, um für Ihren besonderen Fall eine Karosseriewerkstatt zu finden, die Ihnen helfen kann!“ „Morgen wird jemand zu Ihnen kommen, um sich das Malheur anzuschauen!“ Das ist d i e Seite und d a s Rad, das die schwedischen Pannenhelfer am Karfreitag auf der Landstraße kurz vor dem jämtländischen „Sveg“ in Schweden repariert und auf die Stehbolzen ein neues Gewinde geschnitten haben. Nun ist „Polen offen“ und ich sitze mit hängendem Kopf im Schatten hinter dem Bauwagen und drehe mir im Laufe des Abends eine Flasche „Chardonnay“ ein. Helfen tut es zwar nicht, aber es beruhigt ungemein. Barbara habe ich die Schüssel eingestellt, so dass sie ihre geliebten Endlosserien mal wieder verfolgen kann. Ich glaube, diese Reparatur wird teuer. Ob wir Morgen weiterfahren können???

 

4 Gedanken zu „Frankreich – 25.08.11“

  1. „Gein berg ist tu hoog fur euch“ hast du uns geschrieben, liebe Maria. Das ist richtig. Nächstes Jahr wollen wir über den Mont Blanc fahren. Kommst Du mit ??? Lieben Gruß an meinen holländischen Kaaskopp.

  2. Hallo, Ihr beide…ich gebe alle „Schuld“ unseren zwei GPS-Geräten, die uns immer auf die höchsten Bergspitzen gejagt haben. *grins* ICH wollte ja immer nur im Flachland fahren, aber plötzlich befanden wir uns im Zentralmassiv in Frankreich. *nochmals grins* Alles klar jetzt ? LG Dieter

  3. Gein berg ist tu hoog fur euch ;-)hahaha viell spaz gebst du ons hahaaaaaaaaaaaaaaaaa gute reisse und bleib lachen.

    Dikke kusssssssssssssssssssssssss

  4. Liebe Barbara und Dieter,
    ob Tourstrecke ‚Frankreich‘ doch nicht die richtige Wahl war?
    Die Vermutung könnte leicht entstehen……..
    Während unsere regelmäßiges lesen lässt sich diese Gedanke kaum unterdrücken.
    Selbstverständlich ist Ihre Reisekombination nicht das optimale für die Landschaftlich bezaubernd schöne Landschaften.
    Die angegebene Strecke rund Privas haben wir uns mit unsere WoMo nicht zugetraut…..!
    Wir hoffen das ab Hier & Heute das Schicksal ein positive Wendung macht und weitere Rückschlag euch verschont bleibt!
    Wir drücken unseren Daumen höher bis auf 25PS!
    Nein, noch kein Mitleid aber wohl viel Mitgefühl.

    Toi, toi, toi und halt durch!

    Mit warme Grüsse,

    Fred und Els
    (Ab Morgen selbst wieder auf Tour, diesmaal Region Deutschland-Süd)

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