NORWEGEN

Der Reporter Roger und auch andere Norweger haben uns heute eindringlich gewarnt, nicht bis zum Nordkap mit unserem 3,20 Meter hohen Bauwagen zu fahren.

Es ist Windstärke 10-12 am Nordkap für die nächsten drei Tage angesagt und viel Regen und Schneeschauer.

Es wäre nicht das erste Mal, dass solch hohe Fahrzeuge wie wir es haben, durch den Orkan einfach umgekippt sind, hören wir.

So kommen wir schon am frühen Nachmittag in dem 40-Seelen-Ort „Russenes“ an, wo wir schon von weitem die Schilder „Campingplads-Souvenirs-Olderfjordhotell-Russenes Kro-StatOil-Tankstadjon “erkennen.

Wir beraten uns.

Weiterfahren oder hier bleiben ?

Wir entscheiden uns für unseren Kopf.

Der Bauch muss in dieser Situation mal zurück stehen.

Sicherheit geht vor.

Die sehr freundliche, redegewandte Rezeptionistin in dem Souvenirladen druckt für uns aus dem Internet einen Fahrplan für den einzigen Linienbus aus, der direkt vom Campingplatz bis nach „Honningsvag,“ dem größten Ort auf der Insel „Mageröya“ fährt.

Dort könnten wir in einen kleineren Bus umsteigen, um bis zum eigentlichen Nordkap zu kommen.

Wir buchen gleich drei Übernachtungen hier in Russenes.

 

Am Morgen nach der ersten Nacht in "Russenes", Stellplatz ca. 20 Meter vom Fjord
Am Morgen nach der ersten Nacht in „Russenes“, Stellplatz ca. 20 Meter vom Fjord

 

 

Denn Morgen am 17. Mai feiern die Norweger ihren großen Tag.

Es ist einer der wichtigsten politischen Feiertage im Land und die Fahnen wehen zu Ehren der Verfassung von 1814 in jedem Ort Norwegens.

Da fahren auch keine Busse und alle Geschäfte bleiben geschlossen.

Pech oder Glück für uns ?

Lebensmittel haben wir ja genug gebunkert dank des sehr aktiven Redakteurs der Lakselver Nachrichten.

Ich stelle mir im Geiste vor, durch unser Städtchen würde z.B. ein albanisches oder kaukasisches Paar auf einem Esel an der Geschäftsstelle unserer Tageszeitung vorbei reiten.

Ob dann auch einer von unseren Redakteuren mit einem „Care-Paket“ aushelfen würde ?

Spaß beiseite.

 

Wir stehen in Längsrichtung auf dem kleinen, aber sehr schön angelegten Campingplatz auf der hohen Uferböschung nur höchstens 20 Meter vom Meer entfernt.

Ein sehr ordentlicher Campingplatz, der auf dem schmalen Landstreifen zwischen der Straße und dem Meer gerade Platz für etwa 40 Camper findet.

Wir würden unser Domizil hier weiter empfehlen.

 

Es ist gerade Flut, als wir uns aufstellen und die Wellen machen einen schönen Lärm.

Die Möwen kreischen und werfen gelegentlich, vielleicht auch um an Flughöhe zu gewinnen, Ballast ab.

Lauter weiße „Einschusslöcher“ sammeln sich nach und nach auf dem teerpappenbesandeten Dach des Bauwagens.

So romantisch standen wir erst einmal in Filipstad in Wärmland/Schweden auf Martin De Jongs Stellplatz am Lersjön.

Wenn wir aus dem Küchenfenster schauen, blicken wir direkt bis zum Horizont auf das wogende Wasser, das zu beiden Seiten durch hohe Berge in den Fjord gezwungen wird.

Am Abend dann zieht sich das Meer erwartungsgemäß zurück.

Ebbe !

Wie schön muss es besonders für Kinder sein in dem sehr flachen Wasser zu baden.

Natürlich nicht zu dieser Jahreszeit.

Neben uns hat sich eine halbe Stunde vor unserem Eintreffen ein älteres holländisches Pärchen mit seinem Caravan aufgestellt.

Sie kommen jedes Jahr hierher und bleiben immer ganze drei Monate.

Das wäre mir zu langweilig.

Ich suche die Abwechslung.

Bin nicht umsonst im Sternzeichen des Wassermannes geboren.

Unser Gespann hat Aufsehen erregt.

Ein deutsches Paar, das zufällig vorbei kommt, kann sich gar nicht mehr einkriegen wegen unseres auffällig bunten Farbtupfers in der grauen Landschaft.

Der Mann ist seit vier Jahren in einer leitenden Stellung bei der Firma „Linde“ im nahen Hammerfest angestellt und besitzt zuhause in München einen alten unrestaurierten Traktor der Marke „Hatz.“

Eine nette kurzweilige Konversation entspinnt sich.

Sie wollen aufmerksam die Tageszeitung studieren wegen dem Artikel über uns und auch der Tochter in Deutschland unsere Internetadresse zumailen.

Am Abend verstärkt sich der Wind.

 

Auf dem Weg zum Nordkap, Landschaft vor uns
Auf dem Weg zum Nordkap, Landschaft vor uns

 

Wenn ich keine Kappe auf dem Kopf tragen würde und keinen Pferdeschwanz hätte, würde ich so wild ausschauen wie Rübezahl oder Rasputin oder Barbarossa oder auch wie Jörg B. vom „Zentrum für Gehfaule“ in Hofgeismar, der sich gerade die Haare lang wachsen lässt.

(Bitte verzeih’ mir, mein Lieber, aber das lag mir einfach auf dem Mausfinger.)

 

Barbara wäscht zwei Trommeln Wäsche in dem nur 30 Meter entfernten Sanitärgebäude und kann sie auch gleich im Trockner wieder schrankfertig machen.

Ich lese im Reiseführer nach, dass die Höchsttemperatur im Juli hier in diesem Landesteil nur bei 12 Grad im Durchschnitt liegt.

So lange wollen wir aber nun wirklich nicht hier bleiben.

Wäschewaschen auf dem Campingplatz in "Russenes", einem 40-Seelen-Ort
Wäschewaschen auf dem Campingplatz in „Russenes“, einem 40-Seelen-Ort

Frankreich und Spanien warten auf uns.

Das Barometer fällt rapide und es stürmt so sehr, dass wir die Klappläden schließen müssen.

Graupelschneeregenschauer prasseln die ganze Nacht hernieder und morgens um Sieben liegen wir nur noch knapp über dem Gefrierpunkt.

Der Wind bläst mit 19-20 Meter/Sekunde und kommt steif aus nordöstlicher Richtung.

Dünne Schneeflocken fallen und bleiben minutenlang an den Scheiben kleben.

Es werden immer mehr.

Die Sicht ist auf wenige hundert Meter begrenzt.

Der Bauwagen wackelt hin und wieder als ständen wir auf dem Oberdeck eines Schiffes.

 

Ich habe Zeit zu schreiben und zum Nachdenken auf meinem Platz auf der roten Eckbank im „Wohnzimmer.“

Viele Menschen fallen mir ein, die uns einen Kommentar auf die Homepage geschrieben haben oder uns viel Glück für die Reise gewünscht haben.

Ich denke an meine langjährige Brieffreundin, die Lyrikerin Petra S. aus Bad Krotzingen, die wir im Herbst auf der Rückreise besuchen wollen und die immer so liebenswerte Kommentare schreibt und an meine Stammtischbrüder vom „Jungunternehmerstammtisch“, die sicher auch an uns denken und an die Freunde vom Treckerverein und an unsere Tagespflegegäste in unserer Seniorentagespflege und an all die anderen Pflegekunden unseres Pflegedienstes und an unsere tollen Mitarbeiter und an verschiedene Familienmitglieder und an viele andere Menschen, die mir etwas bedeuten und die mein Leben bisher bereichert haben.

 

Ob wir hier auch den Norwegerjungen „Wicki“ treffen ?

Würde mich nicht wundern.

In Norwegen ist vieles möglich, was uns „Südeuropäern“ verwehrt ist.

Es ist Montag und am Mittwochfrüh wollen wir ohne Traktor mit dem Linienbus zum Nordkap fahren.

Es geht nicht anders.

Und mit Gewalt … und gegen alle Vernunft…nein !

Der Orkan, der für die nächste Nacht im norwegischen Radio angekündigt wird, lässt Barbara die Fensterrahmen von innen mit einem weiteren Dichtungsband abdichten.

Auf der Meeresseite drückt der Sturm Wasser auf die Fensterbank.

Wir legen Tücher zum Aufsaugen davor.

Die Sturmhaken innen an den Fenstern klappern die ganze Nacht.

Auch die Möwen geben in dieser Nacht keine Ruhe.

Vielleicht haben sie Höhenangst und fliegen deshalb so tief und kreischen uns in den Schlaf.

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