Fröhliche Bikerrunde

Deutschland – 23. September

"Strumpfmeisterin" Frau Dehn kleidet das Model geschickt an
"Strumpfmeisterin" Frau Dehn kleidet das Model geschickt an

Um Neun erreicht uns ein Anruf vom Sanitätshaus. In 15 Minuten will Frau Dehn vom Geschäft „Pfänder“in Freiburg ihren noch unfachmännisch Bestrumpften auf die Sprünge helfen. Ihr roter, leuchtender Kleinwagen fällt auf dem Campingplatz auf. Sie orientiert sich kurz im Bauwagen, der für sie ein ganz ungewöhnlicher Ort zum Ausliefern und Anpassen von Hilfsmitteln ist, wie sie sagt. Mit geschickten Handgriffen werden meine haarigen Beine mit super sexy Zweizug-Kompressionsstrümpfen fachfraulich verhüllt.

Die "Beinverschlankerin" ist da
Die "Beinverschlankerin" ist da

Ein Gefühl, als wäre man eine Wurstfüllung und würde in einen engen Schweinedarm gepresst. Aber es gibt mir die Gewissheit, wieder fast ohne Gefahren auch längere Strecken laufen zu können, ohne dass ein neues Blutgerinnsel eine Beinvene verschließt. Wir Drei haben bei der Anprobe natürlich viel Spaß. Barbara fotografiert die Aktion und die freundliche Frau Dehn wünscht den Strümpfen (und natürlich auch mir) ein langes Leben. Das wäre nun auch geschafft. Ich gehe ein paar hundert Probemeter bis zum Waldsee und stelle fest, dass ich mit meinen neuen Beinkleidern ganz gut zurechtkomme. Zwei Holzbeine und wenn auch aus bestem Eichenholz wären schlimmer gewesen.

Mein Schwager Wolfgang ruft uns an. Er ist mit vier anderen „Jungs“, eher eine fitte Altherrencrew aus dem Raum Kassel mit PS-starken Höllenmaschinen im Schwarzwald unterwegs und fragt an, ob wir „Zuhause“ sind, da wir am Nachmittag von den „Habichtswaldrockern“ besucht werden sollen. Fünf starke Biker mit fünf großen Mägen…? Barbara rennt die 20 Minuten Weg ins Einkaufszentrum unten am Berg und besorgt eine dicke Tüte „Motorradfutter“ vom Bäcker.

In der Zwischenzeit kann ich ungestört draußen im Sonnenschein surfen und Mails verschicken. Immer wieder kommen Leute auf mich zu und fragen, wie’s mir geht. Es hat sich wohl herumgesprochen, dass ich etwas am Kränkeln war. Ein netter Nachbar aus dem Münsterland, der unsere Seite aufgerufen hat, will uns auf seiner Homepage verlinken. Er hat großes Pech gehabt mit seiner Frau hier auf dem Campingplatz. Sie erlitt einen doppelten Schlaganfall und liegt nun in der Uniklinik. Ich kann ihn trösten und ihm sagen, dass das Klinikum sicher alles zur Gesundung seiner Ehefrau beitragen wird und erzähle ihm meine Geschichte.

 

Fröhliche Bikerrunde
Fröhliche Bikerrunde
Besuch von den "Habichtswalder Highwayschubsern"
Besuch von den "Habichtswalder Highwayschubsern"

Gegen 15 Uhr fangen meine Lauscher an wie Sonnensegel zu flattern. Ein tiefes, gleichmäßiges Brummen, das zusehends zu einem ohrenbetäubenden Lärm anschwillt erreicht die bewaldete Kuppe und kommt immer näher auf die völlig ahnungslos sich in den Liegestühlen sonnenden Campinggäste zu. Schwarze, bedrohliche Schatten verdunkeln den Horizont und ein Gemisch von Abgasen und Schweiß schwängert die klare Schwarzwaldluft. Unser Besuch ist da und der Motorenlärm der fünf gewichtigen „Highway- Mopeds“ erstirbt nach und nach. Die hochgewachsenen Gestalten in „Speed-Stiefeln“ und gefütterten Stahlhelmen schälen sich langsam aus ihren ledernen Tarnanzügen und geben sich als Menschen zu erkennen. Auch Wolfgang, Barbaras Bruder wird vom Mitspieler in „Krieg der Sterne“ wieder zum anschaulichen Verwandten. Es gibt ein großes Hallo und wir trinken erst mal eine Runde Kaffee.

Abfahrt! Die "Moppeds" werden angetreten...
Abfahrt! Die "Moppeds" werden angetreten...

Die Gebäckstückchen hätten nicht kleiner sein dürfen. Wie reißende Wölfe stürzen sich die Durchrasenden auf die Freiburger „Papstteilchen“ aus Hefeteig. Nach Besichtigung unserer Hütte und meinen nicht immer sachlich geführten Ausführungen über unsere bisherige Reise verschwindet der Spuk wieder nach einer guten Stunde. Das Schlachtfeld der tiefen Reifenspuren ist unübersehbar und die rennglatten Pneus der Hochleistungsmaschinen haben sich deutlich in den Rasen gefressen. Sogar die Regenwürmer sind downunder gegangen. Nichts ist mehr so wie es war. Die Biker verlassen wild winkend auf ihren Feuerstühlen hockend, die für sie der „Heilige Stuhl“ ist den Platz und entfleuchten in andere Sphären. Noch nach Stunden vernehmen wir das Dröhnen der Zwölfhunderter aus der Ferne. Trotzdem war dieser Besuch der nordhessischen Mopedgemeinde ein großes Ereignis für uns in Freiburg und wir haben uns prächtig mit den Jungs unterhalten können. Nun brauchen wir nicht mehr zum Papst zu gehen. Wir sind auch so zum Höhepunkt gekommen (!?)

 

Barbara hat Karten für die Straßenbahn besorgt. Und ich bin besorgt, dass wir vielleicht aus Versehen in die falsche Richtung fahren. Vor öffentlichen Verkehrsmitteln habe ich großen Respekt. Doch wir finden den Weg in die Innenstadt. Vor dem Freiburger Münster haben sich schon heute unzählige Fernsehsender aufgestellt. Eine Gruppe katholischer Jugendlicher singt Psalmen vor dem Eingangsportal.

Vor dem "Freiburger Münster"
Vor dem "Freiburger Münster"
Alle Kanalschächte sind fixiert worden. Flüchten zwecklos!
Alle Kanalschächte sind fixiert worden. Flüchten zwecklos!

Mir fällt auf, dass die „Freiburger Bächle“, die die ganze Innenstadt durchziehen ohne Wasser sind. Damit alles beim Papstbesuch schön übersichtlich bleibt, hat man aus Sicherheitsgründen alles Wasser umgeleitet, um Bombenlegern und anderen Übeltätern keine Gelegenheit zu bieten, etwas Unüberlegtes zu verstecken. Auch sollen in diesen Rinnen Kabel verlegt werden. Der Platz vor dem Münster ist überfüllt. Wahrscheinlich jetzt noch mehr, seitdem wir beide auch noch mit offenen Augen herumstolzieren. Alle Gullydeckel und offenen Senkkästen sind mit einer weißen Masse vom städtischen Bauhof verklebt worden. Könnte ja sein, dass sich ein Attentäter aus dem Abwasserkanal erhebt und die Messe stört.

Man hat an alles gedacht. Ich mache Fotos. Motive gibt es mehr als freie Sitzplätze in den Restaurants. Wir bummeln durch die Kaufhäuser und die Souvenirläden. Alle Artikel sind auf den Papst ausgerichtet. Von Kitsch bis Oberkitsch ist der Heilige Vater in mannigfaltiger Art erwerbbar. Rosenkränze, Schirmmützen, Bücher, Kugelschreiber, Schlüsselanhänger, Püppchen, Kerzen, Geschirr (außer Nachtgeschirr), T-Shirts und vieles Unnütze mehr gibt es in den Geschäften.

Ich suche vergebens in einem Miederwarengeschäft nach einem Paar katholischer Ersatz-Kompressionsstrümpfe mit dem Konterfei des Vertreters Christi auf Erden, doch nichts dergleichen ist vorrätig. Wenn schon Kult und Kitsch, dann aber richtig, denke ich mir. In der „Nordsee“ können wir leckeren Seefisch bekommen und speisen ausgiebig. Dann geht’s mit der Bahn wieder heimwärts und ich habe nochmals Gelegenheit, mir beim Durchfahren der Stadt die wunderschönen, alten Fassaden anzuschauen. Freiburg ist eine Reise wert!! Auch eine Flasche „Neuer“, d. h. jungen, perlenden Wein haben wir uns besorgt und der Abend ist gerettet. Das neue Gehgefühl, das ich seit heute früh habe ist zwar keine Wohltat, aber ich fühle mich sicher im Auftreten und Laufen. Im Fernsehen und im Radio geht es Stund für Stund sehr päpstlich zu. Noch nach 21 Uhr fahren die letzten Camper auf den Platz und bauen ihre Zelte im Dunkeln auf. Es ist sehr frisch geworden. Neun Grad noch. Unser kleiner Heizlüfter tut sein Bestes und es wird kuschelig warm.

2 Gedanken zu „Deutschland – 23. September“

  1. Hallo, lieber Arno,
    zu deiner Frage, ob ihr laut und gefräßig gewesen seid: Alle unsere Ersparnisse sind seit eurem Besuch fast aufgebraucht und wir können unsere Tour nun nicht mehr nach Indien fortsetzen. Deshalb werden wir schon Anfang Oktober wieder im Kasseler Raum sein und hoffen sehr auf eine lukullische Revanche. Also dann…bis „gleich!“ Dieter, der Globetrotter

  2. Hey ihr beiden,
    der Alltag hat und wieder und ich wollte natürlich die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, mich nochmal für den leckeren Kuchen und das herzliche Willkommen zu bedanken. Ich wünsche euch alles Gute für die Restfahrt.

    Gruß aus Kassel von Arno.

    P.S.: Waren wir wirklich so laut und gefräßig?

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