14% Steigung sind schon eine Herausforderung

Deutschland – 27. September

Die Kinzig flüstert noch immer und weckt uns glucksend aus den Träumen. Ein Fischreiher saust im Tiefflug den kleinen Fluss auf Nahrungssuche entlang. Enten schwimmen stromabwärts und tauchen nach Futter. Eine Idylle! Ein strahlend blauer Schwarzwaldhimmel und eine zwei strahlende Wirtsleute, die uns verkünden, dass uns gegen halb Neun ein Reporter des „Schwarzwaldboten“ heimsuchen möchte, um eine Reportage von unserem Hiersein zu erstellen empfängt uns. Und Herr Rombach, der Journalist ist pünktlich. Ich komme gerade noch dazu, der Chefin des Hauses ein großes Kompliment wegen ihrer ausgezeichneten Koch- und Backkünste zu machen, da erscheint er schon auf der Wiese und mit ihm Herr und Frau Brede, die „Küchencampingeltern“, die sich sichtbar freuen, dass die örtliche Presse auf dem Campingplatz zu Gast ist. Einige Campinggäste gesellen sich dazu, wie wir uns locker mit Herrn Rombach über unsere Fahrt unterhalten. Dann werden noch ein paar „Starfotos“ geschossen, wo wir beide mit den lachenden „Bredes“ vor und hinter dem Bauwagen stehen.

Der rührige Campingwirt vom Schiltacher Campingplatz. Hermann Brede berät uns bei der Speisenauswahl
Der rührige Campingwirt vom Schiltacher Campingplatz. Hermann Brede berät uns bei der Speisenauswahl

Ein schöner Tagesbeginn. Dann brechen wir mit Pferdegewieher und Hahnengeschrei auf, nicht um uns zuvor noch einmal für die herzliche Aufnahme und Übernachtungsmöglichkeit bedankt zu haben. So müsste es jeden Tag sein! Wir klettern schnaufend und mit (leider) mitunter stark gedrosselter Geschwindigkeit vom Landkreis Rottweil in den Landkreis Freudenstadt. Eine sehr reizvolle Strecke ist das Tal der Kinzig, wo wir eine ganze Weile entlang fahren. Wir kommen so durch die Orte Loßburg, Lombach, Sulz am Eck, Schenkenzell, Ehlenboger, Glatten, Schopfloch, Altheim, Horb a.Neckar und Ödenwald. Bei Schopfloch wird mir leicht übel. Da steht doch tatsächlich ein Schild an der Straße, das auf eine Steigung von sage und schreibe 14% hinweist. Zuerst schafft es der vierte Gang noch. Dann muss der Dritte herhalten. Und …ich staune, irgendwann packt es nur noch der zweite Schnellgang, die Kuppe mühsam zu überwinden. Bergab dagegen sind es nur 11%. Aber auch hier drücken die drei Tonnen Anhängelast so sehr, dass ich den Dritten einlegen muss und dazu stehe ich noch ständig auf der Fußbremse, die schon bald wieder zu riechen anfängt. Wir kommen einfach nicht voran. Die Berge sind unser Trauma und hier im Schwarzwald hören sie auch noch nicht auf. Zweimal sind wir heute über 1000 Meter gekrochen. So steigen und fallen wir Stunde um Stunde die Nebenstrecken rauf und runter. Ich bin nass geschwitzt von den 42 Grad, die wir seit Mittag in der Treckerkabine haben und auch vom ständigen Schalten und Kurbeln am Lenkrad. Mit einem Auto wäre alles kein Problem, doch auf dem Trecker sieht die Welt ganz anders aus. Wer hier nicht eine längere Fahrerfahrung mitbringt mit einem Traktor, dessen Getriebe nicht synchronisiert ist, sollte es besser lassen über Berge zu fahren. Es ist nicht ganz so einfach, wie manch einer es sich vorstellt. Und meine dicken Kompressionsstrümpfe sind auch nicht das Gelbe vom Ei. Sie drücken und pieken und rutschen und die Bewegungsfreiheit unterhalb der Gürtellinie ist arg eingeschränkt. Um Vier sind wir in der Nähe von Stammheim im Landkreis Calw, da wir da einen Campingplatz ausfindig gemacht haben. Er liegt oben am Berg etwas außerhalb des Ortes.

14% Steigung sind schon eine Herausforderung
14% Steigung sind schon eine Herausforderung

Barbara läuft zur Anmeldung. Niemand da. Sie ruft und klingelt mehrmals an der Rezeption. Niemand öffnet. Dann sieht sie einen Aushang: Dienstag Ruhetag! Ach du dicke Seekuh! Ich parke unterhalb der engen Zufahrt und warte. Dann gehe ich selbst zur Anmeldung hoch und rufe und klingele. Irgendwann öffnet sich eine Tür und eine grauhaarige, alte Dame in Socken fragt nach meinem Begehr. Sie ist sehr mürrisch und übelgelaunt und scheint gerade aus ihren 16-Uhr-Schlaf gerissen worden zu sein. Ich frage nach, ob wir bleiben können. „Mit einem Traktor sind Sie da?“ kommt die erschrockene Frage. „Tja, und nur eine Nacht?“ Ich schaue mir mit ihr die kleinen parzellierten Stellplätze an. Viel zu eng und zu kurz für unsere 12 Meter. Sie bietet uns dann gnädigerweise nach einigem hin und her mit säuerlicher Miene einen doppelten Platz an, den wir auch doppelt zu zahlen hätten. 44 Euro für eine Nacht. Außerdem ist eine Wendemöglichkeit für den Abfahrtsmorgen so gut wie nicht gegeben. Ich sage der mißgelaunten Alten, ich würde alles mit meiner Frau mal gerade besprechen und gehe. Ein anderer Camper weist uns den Weg zu einem größeren Campingplatz in der nahen Stadt Calw an der Nagold. Nur 3 Kilometer weiter, sagt er. Es geht schon auf 17 Uhr zu und wir sind etwas genervt von der siebenstündigen Fahrt über Stock und Stein. Gut, fahren wir halt nach Calw.

In diesem Ort fühlten wir uns "heimisch"
In diesem Ort fühlten wir uns "heimisch"

Die Stadt ist ausgesprochen steil. Selten gibt es Straßen unter 7% Steigung und 180% Gefälle und wir irren eine halbe Stunde immer im Kreis herum. An einer Tankstelle sagt uns jemand den richtigen Weg. Die Inhaberin des gepflegten Campingplatzes ist sehr nett und alles andere ist auch passend und wir bekommen einen Platz auf einer Wiese, der groß genug ist, uns aufzunehmen. Heute bleibt die Küche kalt. Wir haben uns in Stammheim ein herzhaftes Steinofenbrot und Zwiebelmettwurst gekauft und schlemmen nach Herzenslust. Nach über vier Wochen trinke ich auch mal ein helles Schwarzwaldbier und mache mich daran, die Tagesberichte onlinefertig zu gestalten.

 

 

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